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"...Das Bundesgericht betont die Notwendigkeit einer ungestörten Nachtruhe, weil tagsüber die Nervenkräfte des heutigen Menschen stark beansprucht werden..."

Schweizer Bundesgericht, Lausanne
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Kirchenglocken - nur Aberglaube?

Bedienen nachts und frühmorgens Kirchglocken Aberglauben ?

Tagglockengebrauch vom Aberglauben nicht betroffen

Woher kommen "Tradition" und Eifer, nachts mit Kirchglocken die Zeit anzuschlagen und appellartig um 6-Uhr morgens zu läuten, aber ohne damit zu einem Gottesdienst zu rufen, entgegen heutiger Arbeitsbeginnvielfalt und auch in schulfreier Zeit ? Warum wird bibelfern als Anlass eine nächtens (viertel-) stündliche Bet-Tradition konstruiert ?
Wieso geben nicht auch sonstige kircheneigene Gebäude entsprechend Laut ?
Warum besteht nicht einschlägig Interesse an Rathausglocken ?

1. Die Vorgeschichte: heidnisch-religiöser Ursprung
"Es gab lange vor dem Christentum Glocken" (1). Den vorchristlich begründeten Nachtglockenkult kann man sich als "Pfeifen im Wald" beim Argwohn gegenüber Fremdem denken. Denn es "galt die Nacht als gefährlich...ausgelöst durch die Furcht vor dem eingeschränkten Sehvermögen" (2). Sie liess den Leuten mangels Kunstlicht schemenhaft wahrgenommene Dinge als möglicherweise Bedrohliches erscheinen.

Da Heidenkulten ohnehin Naturgegebenheiten als beseelt galten, wurde auch "die Nacht viel-fach als des Menschen Feind angesehen - die Zeit galt als gefährlich weil da angeblich... böse Geister herrschten" (3).
Die so personifiziert greifbar gemachte Heidenangst glaubte man nun auch bekämpfen zu können - mit Heidenlärm:
"Der Klang des Erzes verjagte die Dämonen" (4). Wie rituelles Schreien in Mysterienkulten (5).
"Mit Glocken wollten die Griechen... die bösen Geister und Schrecken-Bilder derer Verstorbenen verjagen" (6). Folgerichtig liess man auch zum Nachtende an der Säule der Gottheit Memnon, Sohn der Morgengöttin Eos, "einen Laut ertönen" (7). Denn "Eos" wurde in Alt-Rom zu "Aurora", und sagegemäss vertreibt Göttin Aurora die Schrecken der Nacht" (8).

"Das Verbreitungsgebiet der gegossenen Klöppelglocke reicht...bis zum bronzezeitlichen Europa (bis) Island...
Die weltweite Verbreitung der Glocke...ist mit der ausgesprochen apotropäischen und prophylaktischen Sinngebung dieser Instrumente im Volksglauben zu erklären...Der metallische...Klang soll...den schädlichen Einfluss der Dämonen abwehren. Wissen wir doch, dass man bestimmte Instrumente den Göttern weihte...um Heilungen oder andere Wunder zu erflehen" (9): "Do ut des" (10).

"Besonders durch die Kelten...wurde die Glocke... nach Gallien...gebracht ... Auf dieser nördlichen Wanderung wurden anscheinend die ersten grösseren Glocken entwickelt, die an festen Orten aufgehängt und durch einen Hammer oder...Klöppel zum Klingen gebracht wurden" (11).
"Glocken begegnen wir in fast allen keltisch geprägten Regionen Westeuropas...Im Dyonisoskult war die Glocke wichtiges Musikinstrument, und auch Pan...kam selten ohne Glöckchen aus...Cerberus trägt...ein Glöckchen am Hals... Die Glocke hatte im Isis-Kult durch ihr Klingen Opferhandlungen angekündigt ...(und) wurde im Mithraskult bei der Enthüllung des Altarbildes angeschlagen" (12). Die Gottheit Mithras, "Kämpfer gegen Dämonen der Finsternis" (13), wurde also in künstlich "dunklen Sälen..., häufig in Kellergeschossen" (14) beschworen, in deren Schutt man vor Jahren "geschmiedete Eisenglocken" fand (4).
Sogar "gegen Sonnenfinsternisse - die man auf Dämonen zuückführte - wurde Bronze angeschlagen" (15).
Nahtlos schlossen sich die Zuwanderer an: "Dass...Zauberinnen...nachts ausfuhren oder ritten, ergibt sich schon aus der Edda.... Die Hexen gehören zum Gefolge ehemaliger Göttinnen, die unstet bei nächtlicher Weile umirren" (7).
Zum Nachtende folgte ein "Geräusch... schwingender Tagesboten", das dem "höchsten Gott...Wuotan" galt (7).
Der offene Wodanglaube war bis mindestens im 14. Jahrhundert verbreitet (16).

2. Was hielten Juden- und frühes Christentum vom Glockenkult ?
"Das Alte Testament nennt rund 20 verschiedene Musikinstrumente...Die Glocke gehört nicht dazu.

Sie ist auch später bei den Juden nicht heimisch geworden...Die pamonim...von Aarons Priestergewand waren vermutlich Roll-Schellen...Es gibt kein Zeugnis für den Gebrauch der Glocke zu gottesdienstlichem Zweck aus nachchristlicher Zeit...Schon im Neuen Testament finden sich Zeichen der Geringschätzung heidnischer Kultinstrumente
(...Paulus: 'gellende Klingel'). Die Glocke wird abgelehnt... da sie tiefsitzendem Volksglauben zufolge der Uebelabwehr diente" (4).
Eben die fand nachts und frühmorgens statt. Die Stellungnahme eines Glockenfachmanns: "Ich glaube, dass dieses Wort des Apostels bis heute gültig ist...Wir bemerken leider auch einen hohlen und nicht wirklich vom Evangelium her erfüllten Gebrauch der Glocken, etwa da, wo man der Verführung erliegt, mit Hilfe elektrischer Läutemaschinen ziemlich gedankenlos...zu läuten...Wenn Christen...die Frage aufwerfen, ob hier und da nicht unser Glockengeläut entartet ist,...dann haben wir Anlass, ihre Einwendungen ernstlich zu prüfen. Da kann es nötig sein, ein übermässiges Geläut einzuschränken" (17).

3. Mittelalter: Bannglocke gegen Frauen, Alte, Entstellte und Behinderte
"Auch die Kirchenschriftsteller haben die Glocken abgelehnt wegen...ihrer magischen Verwendung" (1) zur Vertreibung nachts erahnter Geister. "Clemens von Alexandrien bezeichnete Glocken als Instrumente des Irrglaubens; noch [Patriarch] Johannes Chrysotomos beklagt sich" (1). "Es gab lange das Christentum, ohne dass es sich der Glocken bedient hätte" (1), denn "anfänglich gab es von seiten der christlichen Kirche einigen Widerstand gegen die Verwendung der Glocke" (9).

Vielleicht, weil Glockenschall tagsüber wegen Fehlens der traditionell als lichtscheu ersonnenen Dämonen magisch ohne Bedeutung war, übernahm das Christentum den Glockengebrauch dennoch. Allerdings "zuerst in der Abgeschiedenheit der Klöster, um die Mönche zum kanonischen Gebet zu rufen. Von Reform- und Bettelorden wurden Glocken abge-lehnt" (18). Doch diese geistliche Reinheit wurde bald verwässert: Oeffentlich soll "zu Anfang des siebten Jahrhunderts die Bezeichnung der kanonischen Stunden durch Glockenklang...viermal am Tage und dreimal in der Nacht angeordnet" (19) worden sein. Die letzterem anhaftende Nachtmagie erregte offenbar in der Tiefgläubigkeit der mittelalterlichen Welt noch kein Aufsehen. Uebrigens "erst seit dem 12. Jahrhundert waren die Glocken auch von den Gemeindekirchen ... allgemein verwendet worden" (18).

Dann aber wurde die Kirche umfassend Vehikel zu eigentlich gegenchristlichem Aberglauben. Das via Renaissance-Hellenismus einsickernde antike Gedankengut nutzend trachtete die Obrigkeit, den Unmut des Volkes wegen klimabedingter Mangelzeiten, Seuchen und Kriege auf Sündenböcke abzulenken - mittels Magiestraftatbeständen, "die sich v.a. gegen Frauen richteten" (14). Dabei war laut Brockhaus die "Schreckgestalt von abstossendem Aeusseren (alte Frau mit Buckel, triefenden Augen...Stock)" (14), eben die angebliche Hexe, oder geistig behindert ("besessen"). "Es erwuchs sogar "das Bedürfnis, mehrere Glocken... anzuschaffen, von denen die einen...der Abwehr der bösen Geister usw. gewidmet wurden" (9), besonders der Hexen.

Der an der Schwelle zur neueren Zeit verfasstete "Hexenhammer", Anleitung zur Ermordung von rund hunderttausend Frauen und zu Quälerei und Terror gegen ein Vielfachens davon, wähnte "Dämonen...in der...dunklen Luft" als Hexen unheilstiftend umherschweben. Diesen Hirngespinsten dichtete man noch die zeitweilige Gestalt von Fabeluntieren und abgegangenen Gottheiten an, begleitet von Wiedergängern, Seelengeistern und sensenschwingendem Tod.
Gegen diese virtuelle Meute gab das Machwerk auch gleich eine Abwehrstrategie weiter: "Aus diesem Grund werden die Glocken gegen die Luft geläutet...damit die Dämonen wie vor den Gott geweihten Posaunen fliehen und von ihren Behexungen abstehen" (20).

Nachtglockengebrauch war dabei nicht nur eine Randerscheinung massenexorzistischer Umtriebe, sondern ihr zentraler Bestandteil in der Ueberzeugung: "Metall, Klang, Weihe, heiliger Name und kultischer Gebrauch machen die Glocke und ihr Läuten zu einem der bekanntesten Abwehrmittel gegen alle dämonische Macht...Man wehrt Geister ab mit...Lärm, Glocken, Eisen" (21), und zwar in und zum Ende der Nacht, weil "die meisten Aberglauben an die Nacht gebunden" (6) waren: "Videt multitudinem daemonun...de dominabus nocturnis, quod muliéres sint" (22).
Der irdische Erfolg des virtuellen Luftrevierkampfes war Einschüchterung: "Wie ein drückender Alp lag...Hexenfurcht auf dem Volke" (13) oder eine Angst, selbst verfolgt zu werden.

4. Der Glockenaberglaube auf dem Weg in die Neuzeit
Inwieweit das gebietsweise amtliche Verbot des Nachtgeläutes (Württ. Oberrat: "Mummenschanz") sogleich befolgt wurde, mag dahinstehen. Jedenfalls hielten sich europaweit trotz Aufgabe tätlicher Hexenverfolgung um 1750 im Volk wirre Gedanken um Dämonen und ihnen gewidmeten Glockengebrauch.

Solche werden - ausgehend von einem 22-Uhr-Nachtbeginn - wie folgt wiedergegeben: "Die Nachtglocke ...kündigte ...den Einfall der bösen Geister an; sie gab die Nacht frei für die Hexen und ihr böses Treiben..
.Das morgendliche Angelus...hatte etwas von dem Kampf, den die Kirche gegen die gefährlichen Freiheiten des otium führte...Für das frühe Aufstehen zu kämpfen hiess, gegen das Wirken des Teufels zu Felde zu ziehen." (23).
"Dies wurzelte im Glauben, dass Geräusche das Böse abwehren könnten" (24): Nächtlichem "Glockenläuten schrieb man im Aberglauben magische Kräfte zu" (3). Es sollte sein "Klang Unheil abwenden" (14), denn "die Nacht ist die Zeit der Geister und des Zaubers" (25) und "das Morgenläuten bedeutet, dass nun die Geister der Nacht verschwinden" (2).

Aus der Romantik-Zeit ging der Aberglaube um Glockenlaut in und zum Ende der Nacht gestärkt hervor wie folgt: "Dem Glockenäuten sind die Hexen gram...Der Hexen Widerwille gegen Glocken ist heidnisch...Glockenläuten hindert ihre Anschläge" (7).

Grusel-Literatur - Vorläufer der "Das Omen"- und Zombie-Filme - weidete die Stimmung aus: "Da regt sich ein Grab...Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins, die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins, und unten zerschellt ein Gerippe" (26). Und: "S´ist Mitternacht war das ein Geisterlaut ? Ein Klagelaut aus den Syrnigen ...Das Käuzlein knackt und hustet drein. Die Uhr schlägt eins" (27).
Der Volksmund selbst verbreitete Ãhnliche Erfindungen: "Die Turmuhr verkündete schon zwölf Uhr in die Nacht hinaus...und sie (eine Gestalt) stürzte sich in den Abgrund" (28) .

5. Verschwand der Aberglaube mit der Industrialisierung ?
Eine Untersuchung stellte 1875 fest: "Der (Hexen-) Wahn wird weitergeführt in Ritualen...Am 7.8.1875...musste das Bezirksgericht...die Ehefrau Frenzel von Trulben wegen der gegen Margarethe Klein von dort verbreiteten Nachrede, sie sei eine Hexe und habe ihr Kind verhext, in Strafe nehmen. Die Verhandlung lieferte traurige Indizien über die Verbreitung und die Hartnäckigkeit dieses Glaubens...
Einen noch peinlicheren Eindruck muss der Bericht...über die... Verhexung einer Kuh...machen. Die...war durch eine Prozedur wieder hergestellt worden, bei der geweihte Sachen 'die Hauptrolle spielten' (und den bekannten Gelehrten Görres zitierend:) "Es fehlte nicht an Versuchen, die alte Teufelslehre wieder aufleben zu machen" (29).
Auch mittels Nachtjagd durch Glockenlärm: "Der Teufel...nimmt an dem reinen Klange des Erzes ein Aergernis und flieht. Von ihm Besessene können Glockenklang nicht vertragen" (19).

Ein Hinweis auf die einstige Verwendung auch als Torturwerkzeug gegen von (nächtens aktiven) "Dämonen befallene" Leute. 1895 wird festgehalten: "Injurienprozesse zeugen von diesem heute noch im Volk fortdauernen Wahn" (13).
Um 1900 wird ein Remstäler Metzgermeister zitiert, der beim Viehtreiben im Wind der Dämmerung das Wilde-Jäger-Heer wähnte und glaubte, sich auf den Boden legen zu müssen.

Die Weimarer Zeit, in der die Zeitschläge - die bisherige Durchführung noch übertreffend - elektromechanisiert verdichtet wurden, verfeinerte den Nachtkrabb-Volksglauben so: "Die Glocke dient der Dämonenabwehr...
Streng unterscheidet das Volk nunmehr zwischen getauften ('heiligen') und ungetauften...
Die eigentliche Kraft der Glocke liegt in ihrem Ton...Wo der (Glocken-) Ton nicht gehört wird, dort haben die Dämonen die Macht...Zu dieser Zeit ist der Teufel am mächtigsten, bis zum ersten Hahnenschrei" (25).

Warum Kirchen- nicht aber Ratsglocken-Einsatz in und zum Ende der Nacht gefordert wird, stellt auch die Erzählforschung dar: "Nach der Taufe (der Glocke, bzw. ihre Segnung) hat der Teufel keine Macht mehr über sie...
Sie vertreibt Dämonen und Geister, Irrlichter, Wiedergänger...In der Legende vertreibt sie...den Teufel...als Wunder" (30).

6. Aberglauben heute
"Moderner Aberglaube entfaltet sich genau dort, wo in der Antike antidämonischer Zauber seinen Ort hatte:
in Ungewissheit, Krankheit, Lebens- und Todesangst" (31). "Das seit 1957 in neuer Ausgabe erscheinende Standardwerk der evangelischen Theologie 'Die Religion in Geschichte und Gegenwart' nennt erschreckend hohe Zahlen ...Die Anfechtung durch Aberglaube soll nach der gleichen Quelle bis zu 80% betragen" (32).

"Es gibt zu denken, dass... den katholischen und evangelischen Theologen zahlenmässig mehr als doppelt so viele ´Hell-seher´ und Wahrsager gegenüberstehen" (33). "Wie weit der verheerende Wahn geht, bezeugt schon die Tatsache, dass allein in der Bundesrepublik jährlich Hunderte von Frauen und Mädchen um Ruf, Glück und Lebensfreude gebracht werden, weil unverantwortliche Kreaturen sie als 'Hexen' oder von bösen Geistern befallene Wesen ausgeben und bezichtigen...Im Jahr werden...siebzig sogenannte 'Hexenprozesse' an deutschen Gerichten geführt...

Niemand weiss...die Dunkelziffer...In der Bundesrepublik leben zahllose überzeugte Spiritisten, unter ihnen angesehene und ausgebildete Personen...Nach vorsichtigen Schätzungen darf man mit einer Grössenordnung von gut 10.000 berufsmässigen Hexenbannern in der Bundesrepublik rechnen" (34). "Zeit und Zeitbewusstsein beschäftigen die Erforscher des Okkulten in höchstem Mass...Die Uhr spielt im Volksglauben eine besondere Rolle, weil sie...an den Tod erinnert" (35), passenderweise nachts.

Erinnert seien hier Kirchengemeinden an das Erste Gebot ('Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir') in Verbindung mit dem Magie- und Fetischismusverbot des 5. Mose 18.9.
Auch diese Feststellungen haben noch nicht alle Glockeneigner auf Abstand zum anrüchigen Glockengebrauch in und ausgangs der Nacht gebracht:

  • "Die Bezirksregierung Lüneburg hat...eine Dokumentation über das Treiben der neosatani- schen Bewegung zusammengestellt, da es dem Staat nicht gleichgültig sein könne, ob 'eine bestimmte Weltanschauungsgruppe religiöse Gebräuche pflegt, die nicht vom Grundgesetz geschützt werden, oder Methoden anwendet, welche die Entscheidungs-freiheit der Betroffenen einschränken'...Nach Meinungsumfragen aus dem Jahr 1973...(hat) der Glaube an die Möglichkeit des Wirkens von Hexen...gegenüber früheren Umfragen von 1956 erheblich zugenommen" (36).
  • "Der Kultusminister von Nordrhein-Westfalen hat...vor dem an Schulen verbreiteten Okkultismus gewarnt" (37).
  • "Die Hexe Ulle von Bernes zeigte im ZDF ihr magisches Tötungsritual" (38).
  • "In vielen Städten des deutschen Sprachraumes werden Schwarze Messen abgehalten" (39)
  • "Selbst heutzutage ist nicht ungewöhnlich, in Zeitungen darüber zu lesen, dass Menschen der Hexerei bezichtigt...wurden" (40)
  • "Mit Sonnenaufgang und Angelusläuten beendet der Morgen die den Geistern freigegebene Nacht" (21)

Um 1990 begrüsste jemand in einem Alb-Ort die nächtliche Zeitschlag-Tradition so: "Heut´ nacht hat er wieder auf unser Dach ´klopft. Ma därf sein Nama net saga.ma ka bloss d'rgega a schlaga", also mit nächtlichem Kirchenuhrschlag den Seelenheer-Führer bannen. Also gilt in und ausgangs der Nacht immer noch: "Kirchenglocken ...sind eines der wichtigsten Abwehrmittel gegen alle dämonische Mächte...wenn die Glocke ertönt, verschwinden die Geister" (41).

Denn: "Dass die Nacht Dämonen anzieht und der aufkommende Tag sie verjagt, ist eine allgemeine weit verbreitete Vorstellung" (16). "Das Morgenläuten ist an die Stelle des Sonnenaufgangs getreten, wenn es heisst,dass...bis... morgens der Schwarze, Geister und Hexen Gewalt haben. Mit dem Morgenläuten verschwinden die..." (42).

Das deckt sich mit der Zu- statt Abnahme des Aberglaubens in den letzten 20 Jahren, denn "seit den 80-er Jahren ist eine Wiederbelebung okkulter Praktiken und Vorstellungen...als Modephänomen erkennbar" (14).
Dem entsprechend kam 2005 eine Allensbach-Untersuchung zum Ergebnis: "Der Aberglaube hat in den letzten 25 Jahren zugenommen", wobei teilweise eine Verdoppelung einschlägiger Bekenntnisse festgestellt wurde (43).

Ein Remshaldener ereiferte sich Ende 2004 unangesprochen auf offener Strasse: schlafbedürftige Nachtuhrschlag-Gegner seien der Teufel, welcher "die Kirche kaputtmachen" wolle, und verband seine Beschimpfung gleich noch mit Gewaltandrohung - ganz traditionsentsprechend.
Aus dieser Sicht dürfte auch das 6-Uhr-Geläut einem guten Zweck dienen: "Die Morgen- oder Tagglocke vertreibt insbesondere nächtlichen Spuk" (25). In Tübingen sollen Klinik-Patienten "den nächtlichen Schlag der Kirchenturm-uhr...als persönliche Hilfe" (44) empfunden haben - Hilfe vor oder gegen was?

In ähnlicher Uebersinnlichkeit werden laut epd "auf der Alb...Warzen weggebetet" (45). Und 2005 berichtete die Tagespresse: "Sprayer...an der Marienkirche...sprühten auf die Eingangtür...und auf die Gebäudewand jeweils ein auf den Kopf gestelltes Kreuz mit dem Schriftzug "Satanas'" (46). Ein Pkw mit Waiblinger Kennzeichen zeigte 2005 auf der Heckscheibe einen grossen Drudenfuss mit einer "Satanas" lateinisch lobenden Umschrift.

7. Europäisch einig im festen Volksglauben
Der Aberglaube war und ist immer noch grenzüberschreitend.. Da im französischen Sprachraum "la nuit est le domaine du diable et des esprits", wurde dagegen empfohlen: "Le son des cloches chasse le démon, les mauvais esprits." (47). "Aberglaube, Schwarze Magie und New-Age-Bewegungen gehören nach Ansicht der grossen Kirchen Englands zu den Ursachen des Rückgangs christlicher Werte. Sogar praktizierende Christen neigten mehr und mehr zu New-Age-Gedankengut, heisst es in einer in London veröffentlichen Studie...
Die Studie wurde unter der Leitung des Bischofs von Rochester von einer Arbeitsgruppe...aus Mitgliedern aller grossen Kirchen...angefertigt." (48). Und: "Aberglaube: Stadtrat in Nordengland macht Kunstwerk für Unglücke verantwortlich. Britische Bürger treibt die Furcht vor dem 'Fluch-Stein' um" (49).

In Italien endete im Januar 2005 ein Strafverfahren wegen Okkultismusdelikten gegen das Leben (50).
Aus den Alpen gelangte ein "Oetzi"-Aberglauben in die Schlagzeilen: "Fluch der Mumie ... Bereits sechs Menschen gestorben, die in Kontakt mit der Gletscherleiche waren" (51). Im Esslingen von heute "können sich Dämonen- und Satansaustreibungen über ein ganzes Wochenende erstrecken" (52).

8. Nachtuhrschlag und 6-Uhr-"Bet"-Geläut ohne kirchlichen Zweck
"Interessant ist die immer wieder versuchte Verbindung zum christlichen Glauben. Der Abergläubische soll den Eindruck haben, er tue etwas letztlich 'Ungefährliches'" (53), Erstes Gebot hin, 5.Mose 18 und 1.Korinther 13 her. Auch kleine Schellen im alttestamentarischen Kult rechtfertigen es nicht, heute nachts und frühmorgens hiesige Ortskerne zu verlärmen. Denn die Schellen sollten nur im Tempelinneren die Namensnennung Gottes liturgisch über-tönen.

Jedenfalls unvereinbar erscheint es mit der Allgegenwart Gottes und mit dem Ausschliesslichkeitsanspruch Christi im Sinne einer "Unüberbietbarkeit des in Jesus Christus zu-gesagten Heilszuspruches" (54), wenn Kirchengemeinden ihre Glocken nächtens fetischistisch-vermittelnde Heil- und Bannerwartungen zumindest inkaufnehmend bedienen lassen. Dabei ist unerheblich, dass diese meist zunächst hinter neutralisierenden Formeln verborgen werden (z.B. "heimelig", "beruhigend", womit also Nachtruhe unheimelig und beunruhigend wäre).

Hätten ausgerechnet in und ausgangs der Nacht Kirchglocken etwa Ansprüche auf die "Königsherrschaft Jesu Christi" (55) über alles der Welt abzusichern, und das auch über den gottgewollten Tod, oder auch nur - ein schon genug makabrer Psychodruck - an diesen ("Zeitlichkeit des Menschen") zu erinnern, würde gerade der unsägliche Tod- und Geisterbann-Gedanke hämische Urstände feiern. Gerade die Behauptung, alle 60 oder gar 15 weltliche Minuten müssten mit Glockenklang die Kirchennachbarn zu nächtlichem Betmarathon angehalten werden, erscheint nicht nur weltfremd, sondern auch entlarvend. Ein solcher Weckappell an Hinz und Kunz überträfe nämlichsogar mittelalterliche Klosterzucht um ein auffälliges Vielfaches.

Selbst einschlägig aktive Orden (und schon damals bewusst nicht alle) liessen nämlich nach 21 Uhr nur zu insgesamt drei Horengebeten rufen (und der Orden, der die Horen erfand, verzichtet heute selbst auf die erste, die 6-Uhr-"Prim"). Möglichst dichte Nachtverlärmung weist hingegen auf den o.e. anderen Sinngehalt hin. Das umso mehr, als individuelles Beten - wenn es schon stattfinden sollte - keinen Lärmteppich, sondern umgekehrt Ruhe benötigt.

Für Versuche, Glockengebrauch in und ausgangs der Nacht gar als kirchlich erscheinen zu lassen, lassen aber auch höchstrichterliche Entscheidungen (56) keinen Raum mehr, abgesehen davon, dass ein bedingtes Abraten zentraler Kirchenstellen und ein lagebedingtes Abstellen ohne Schaden für die Kirche möglich war (etwa in vielen Fremden-verkehrsorten).

Wenn viele Leute zwischen Weihnachten und Erscheinungsfest keine Wäsche ins Freie hängen, an Sylvester Blei giessen und vor dem Freitag, dem 13., Heidenangst haben, ist das schrulliger Hokuspokus im Privatbereich.
Der Hexenbannglaube in seiner primitiven Gut-Böse-Weltsicht und Frauendämonisierung aber fiel jahrhundertelang durch bösartigste Gewalt gegen Mitbürger auf. Müssen seine Signale ausgerechnet Kirchen unterschoben werden und Anwohnern das Leben schwermachen ?
Signale, die man übrigens auch als mittelbare Opferverhöhnung ansehen könnte.

9. Nacht- und frühmorgendlicher Glockengebrauch vor Schranken des Gesetzes
a) Eine physische Beeinträchtigung Dritter durch solchen Glockenlärm zur Unzeit entgegen 903 BGB oder 22 BImSchG führt zu folgenden Ueberlegungen:

- Gerade in Anwohnerverfahren hat die Rechtsprechung klargestellt, dass der Staat (Amtsgericht, Landratsamt, Verwaltungsgericht) Kirchglockengebrauch in der Oeffentlichkeit begrenzen kann.

- Da höchstrichterlich dem Glockenschall nachts und frühmorgens kirchliche Zielsetzung abgesprochen wurde (56) und er auch keine "staatliche Aufgabenerfüllung durch Darreichung einer sachlichen Verwaltungsleistung" (57) auf Grund eines Gesetzes bewirkt, ist er demzufolge rechtlich wie jede andere wiederkehrende monokausale Lärmverursachung zu behandeln, also ohne Bonus für kirchliche oder öffentliche Aufgabenstellung.

- Auch (zunehmend viele) nachts und frühmorgens glockenschallfreie Kirchen, Ortsviertel und (leider nur) Empfehlungen zentraler Kirchenstellen an Kirchengemeinden ["werktags nicht vor 7 Uhr...zu läuten" (61) und "dem berechtigten Ruhebedürfnis der Bevölkerung angemessen Rechnung tragen...und...das Gebetsläuten am Morgen...nicht vor 7 Uhr beginnen...Wo begründete Beschwerden vorliegen, sollte der "Stundenschlag der Kirchenglocken in der Nachtzeit ganz oder teilweise abgestellt werden" (62)], tun dar, dass Nacht-und Morgenruhe kirchliche Aufgabenerfüllung nicht beeinträchtigt.

Schon deshalb läuft die These von Nachtruhegegnern ins Leere, lärmende "Einwirkung auf die Anwohner sei auch
deshalb notwendig, weil die Glocken auf die Nähe zu den Wohnungen angewiesen seien, ansonsten könnten sie ihre Funktion nicht erfüllen" (18). Kirchlichkeit herstellen kann nicht etwa die Einlassung, glockenweihende "dedicatio" habe Glocken(schall) per se zur unantastbaren "res sacrae" (55) verwandelt. Mit solcher Gaukelei könnte man selbst den kircheneigenen Fuhrpark mitsamt den "Kirchstrassen" und "Pfarrgassen" darunter dem Staatseinfluss entziehen.

- Gemäss BVwG hat das Zeitschlagen seine Funktion verloren (56), wenn es die angesichts früherer
Achtung nächtlicher Arbeit nachts je hatte. Frühgeläut [das laut Fachliteratur bei Lärmbeschwerden "zurückstehen muss" (58)] streichelt sinngemäss laut BayVGH nur eine diffuse Gefühlswelt mancher Zeitgenossen (56). Interessanterweise konnte beides in so manchem Fremdenverkehrsort schadlos abgestellt werden.

- Während nach Art. 140 GG i.V.m. Art 137 III WRV gesetzbeschränkt die Religionsgemeinschaften "ihre Angelegenheiten selbst ordnen und verwalten", dient 1. nächt- und frühmorgendliches Lärmen eben keiner nachvollziehbaren Angelegenheit dieser Religionsgemeinschaften, und 2.: "Kirchglocken drängen extra muros...gegenüber einem Adressatenkreis, auf dessen konfessionelle Zugehörigkeit es nicht ankommt" (57) und der dann selbst in seinem engsten Privatbereich dieser Immission nicht entgehen kann. Es stellt sich dann die Frage, ob de facto so die Kirche als Glockenbetreiber auf einer zweiten Rechtsebene Hoheitsrechte ausübt entgegen dem "Verbot der Staatskirche" (57) nach Art. 137 Abs.1 WRV, und das ohne eine staatlich-materielle Rechts- bzw. Eingriffs-grundlage.

- Glockentraditionen allein geniessen keinen besonderen Schutz (59).

- Im Zweifelsfall muss eigentlich der Lärmverursacher den Nutzen des lärmverursachenden Vorganges für
die beschallte Allgemeinheit glaubhaft machen, nicht etwa davon Beeinträchtigte die Selbstverständlichkeit seines nächtlichen Ruhebedürfnisses immer wieder nachweisen (63) bis hin zu Erkankungsgutachten.

Völlig an sonst üblicher Rechtshandhabung und gesundem Menschenverstand vorbei geht also eine Beweislastumkehr dergestalt, dass zweifellos Beeinträchtigten vorgerechnet wird, sie müssten bei einem Lärmpegel, den vergleichsweise auch ein lauter Fernseher erzeugt, schlafen können, während der Störer unbekümmert weiterlärmt.

- Das BImSchG geht vom Grundsatz der Lärmvermeidungspflicht nach dem Stand der Technik aus, lediglich im Falle technischer Nichtunterlassbarkeit von blosser Lärmminderungspflicht (60). Systemrichtig kann Turmglocken während der allgemein anerkannten Nachtruhezeit zwischen jeweils einschliesslich 22 und 6 Uhr dann nicht dennoch ein (dezibelbegrenztes) Recht auf wiederkehrende Verlärmung als "sozial adäquat zumutbar" zugeschanzt werden, das vergleichsweise anderen Lärmquellen verwehrt würde.

- Folgerichtig erscheint eine Berufung auf Lärm, der lediglich unvermeidbare Nebenerscheinung sinnvoller Tätigkeit (z.B. Verkehr, Gewerbe) ist und deswegen i.d.R. nur begrenzt statt unterlassen werden muss, abwegig. Immerhin werden selbst hoheitliche Warnsignale (Polizeieinsätze) nachts nur sparsam gebraucht.

- Entgegen solch klarer Rechtssystematik können nicht unkodifizierte Gemeinplätze Recht gestalten wie etwa ein Ruf nach schalluntermalter 'Strukturierung des Tagesablaufes' (zumal nachts der Schlaf die lebensnotwendige Struktur ist) und gebetsmühlenartige Feststellung nicht näher erläuterter 'Sozialadäquanz'. Es werden noch mehr solche Schwammigkeiten aufgelistet: "Anscheinend werden...Bundesgesetze gelegentlich als preussische Bevormundungen verstanden, die man unter Berufung auf Gewohnheitsrecht, mit Verweis auf die Volksfrömmigkeit und mit dem Bestehen auf Bestandswahrung oder Herkömmlichkeit aushebeln kann..., wenn ...der Glockenschlag der
Kirchturmuhren zur 'Stadtlandschaft' gehört und damit zum 'Tongefüge des Gemeinwesens'; es repräsentiere 'ein Stück geschichtlich gewachsener sozialer Ordnung'" (18).

- Für die immer noch behauptete "soziale Adäquanz" des unzeitigen Glockenlärms sprechen nicht gerade: die gegenüber Glocken- stets ältere örtliche Wohntradition, viele Anwohnerklagen seit über 100 Jahren gegen ihn, nicht auf ihn, die oft nachtlärmbedingte Abwanderung an ruhige Ortsränder, dass aufwendige Ortskernsanierungen gerade meist Lärm mindern wollen, die schwindende Zustimmung zu nächt- und frühmorgendlichem Glockenbetrieb in der Bevölkerung (64), die umfragegemäss bereits 61% der Westdeutschen ohne Interesse an Kirchglocken (65) und dass über ¼ der Bevölkerung "sich durch Lärm ernsthaft belästigt" (66) fühlt.

- Auch im Ergebnis könnte eine Weiterführung von Beschallungsrechten zur Unzeit untragbar werden - auch für heutige Nutzniesser. Denn das Gleichbehandlungsgebot (aber auch Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 VII WRV = Gleichstellung mit sonstigen weltanschaulich befassten Vereinigungen) gibt Anlass zur Ueberlegung, "welch ohrenbetäubender Lärm entstünde, wenn alle Religionen, Konfessionen, Sekten, weltanschauliche Gemeinschaften, alle Körperschaften, Verbände, Vereine und Parteien und dazu noch Werbeabteilungen von Firmen ...sich solcher akustischer Methoden ...bedienen würden ..., auch...Rufe des Muezzin...ab fünf Uhr morgens" (18). Immerhin haben innereuropäische Gebiete - etwa an der Adria - eine ältere islamische Tradition als z.B. Württemberg und Baden eine evangelische.

b) Zum Fall einer durch Glockengebrauch in und ausgangs der Nacht bewirkten Beeinträchtigung des durch Art. 4 Abs. 1 GG jedermann gewährleisteten Rechtes auf weltanschauliche Selbstbestimmung, wird festgestellt:

- Weltanschauliche Selbstbestimmung umfasst auch die Befugnis, sich andersgerichtet weltanschaulich hinterfütterter Zeichensetzung entziehen zu können (67), etwa solcher heidnisch-abergläubischen Sinngehaltes oder auch nur einer Tradition im Sinne eines entsprechenden sozialen Erbes. Zudem gilt das oben Gesagte entsprechend, wonach niemand hoheitliche Rechte nach Art eines Kirchenstaates im Staat gegen Dritte ohne ausdrückliche Ermächtigung zu diesem Einzeleingriff ausüben darf.

- Das gilt umso mehr, als die beschallten Kirchennachbarn oft vorwiegend als Zugezogene (und hier wiederum Ausländer) nicht der glockenbetreibenden Kirche angehören.

- Für geistlich-"soziale Adäquanz" nächt- und frühmorgendlichen Glockenlärms sprechen nicht: seine Bibelferne, dass z.B. in Baden-Württemberg jede der Volkskirchen kaum mehr als 1/3 der Bevölkerung vertritt (68) und dass Romantik zu nächtlicher Glockennutzung oft aus gepflegter Unkenntnis über ihre Nichtkirchlichkeit und geistlich anrüchige Seite entsteht.

- Ein bibelfremder, schon kirchenhistorisch abwegiger und ohne Bedarfsanalyse kaum glaubwürdig behaupteter nachtstünd- und frühmorgendlicher Betbedarf kann zudem glockenlos über einen "vom Gemeindeglied abrufbaren kirchlichen Weckdienst mit Glockenklang über kircheneigene Fernseh-und Rundfunksender" (18), die Telefonseelsorge und Werbung hierfür gestillt werden, von einer Armbanduhr mit Zeitsignal ganz zu schweigen. Damit entfiele das derzeitige Eingriffsübermass gegenüber Dritten.

- Soweit der - wegen seiner anrüchigen Vergangenheit und Sinnbelegung kirchensozial unadäquate - nächt- und frühmorgendliche Kirchglockengebrauch geeignet ist, in die Bekenntnisfreiheit Beschallter einzugreifen, steht ersterem deren Gewährleistung durch Art. 4 I GG entgegen, und zwar im Sinne einer Freiheit von Zwangsteilhabe an einem Bekenntnis als auch i.V.m. Art. 4 II GG so, dass die Glockentöne "andere Personen, die gerade eine andere Religion...ausüben möchten, über ein noch tolerierbares Mass hinausgehend stören". (18).
Dabei steht dahin, ob diese Schallverbreitung "Volks-frömmigkeit" oder "-glauben" im Schattenbereich des Aberglaubens bedienen will oder diesen mithin zu bedienen geeignet ist und dabei gegebenenfalls jeweils "Kollateralschäden" Dritter (18) in Kauf nimmt. Vergleichsweise könnte der Staat nicht einmal Zwangshören an einer Schallgebung des jeweils eigenen Bekenntnisses herbeiführen.

- Dass an die Glaubensempfindlichkeit ein eher strenger Massstab anzulegen ist, beweist der verhältnismässig umfassende Lärmschutz, den Kirchen selbst für ihren Gottesdienst, ja sogar für den ganzen Sonntag und für Kirchenfeiertage mittels Art.4 GG i.V. m. WRV und SoFTG, einfordern. Denn Art. 3 III GG gebietet eine Rechtsauslegung dahingehend, dass sich die Staatsgewalten nicht an einer glaubensmässigen Benachteiligung beteiligen dürfen, auch nicht durch Gewährleistung von Vorrechten. Man beachte hierzu das bekannte "Kruzifixurteil"

Zitierte Quellen:
(1) Schmidt, A., in: Beratungsausschuss für das deutsche Glockenwesen (Hrg.), Karlsruhe 1986
(2) Küster, J., Wörterbuch des Aberglaubens, Freiburg 1989
(3) Hiller, H., Lexikon des Aberglaubens, München 1986
(4) Klauser (Hrg.), Reallexikon für Antike und Christentum
(5) vgl. Clauss, M., Ffm., im Vortrag im Rathaus Stuttgart am 20.9.2005
(6) Zedler, J.H., Grosses vollständiges Universallexikon, 1735, Neudruck Graz 1994
(7) Grimm, J., Deutsche Mythologie, 1835
(8) Schlösser Baden-Württemberg 2/2004, S.4
(9) Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Bd.3, Hamburg 1995
(10) lat. "Ich gebe, damit du gibst", Inschrift auf römerzeitlichem Votivstein, Ausstellung "Imperium Romanum"
Stuttgart 2005
(11) Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd.2, Tübingen 1958
(12) Landesdenkmalamt (Hrg.), Arbeitsheft 18, Stuttgart 2004
(13) Meyers Konversationslexikon, Leipzig 1895
(14) Brockhaus Enzyklopädie, Leipzig 1996/98
(15) Wie (11), jedoch 1928
(16) vgl. Lecouteux, C., Das Reich der Nachtdämonen, Düsseldorf 2001
(17) Mumm, R.., in: Beratungsausschuss für das deutsche Glockenwesen (Hrg..), Karlsruhe 1986
(18) Schauer, H., www.humanistische-aktion.homepage.t-online.de/glocken.htm
(19) Otte, H., Glockenkunde, Leipzig 1884
(20) Sprenger, J., Der Hexenhammer, 1487 (Neuherausgabe von Schmid, J.W.R., 1987)
(21) Erich, O. und Beitl, R., Wörterbuch der deutschen Volkskunde, Stuttgart 1974
(22) Legenda Aurea, Cap. 102, zitiert in (7)
(23) Corbin, A., Die Sprache der Glocken, Frankfurt 1995
(24) Stellmann, A. (= Ev. Rauhes Haus), Anno Domini 2005, Das christliche Jahrbuch, Hamburg 2004
(25) Hoffmann-Krayer, E., Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, 1930ff
(26) Goethe, J.W.v., Totentanz, in: Haselbach, H.(Hrg.), Unvergängl. dt. Volksball., Klagenfurt 1991
(27) Droste-Hülshoff, A., Durchwachte Nacht, in: Elsner, W.(Hrg.), Unvergängliche deutsche Gedichte,
Klagenfurt 1955
(28) Schneider, F., Die Ostalb erzählt, Heidenheim 1952
(29) Nippold, F., Die gegenwärtige Wiederbelebung des Hexenglaubens, Berlin 1875
(30) Brednich, R.W. (Hrg.), Handwörterb. zur histor. vergleichenden Erzählforschung, Berlin 1987
(31) Böcher, in: Deutsches Pfarrerblatt, 1971, S.311
(32) Gottschalk, H., Der Aberglaube, Gütersloh 1965
(33) Zahlner, F., in: Von Abdul Baha bis zum Zweiten Gesicht (ISBN 3-4510-04271-1)
(34) Abeln, R. (= Johannesbund), Moderner Aberglaube, Leutesdorf 1975
(35) Schreiber, Wörterbuch der Parapsychologie, München 1976
(36) Ruppert, H.J., Die Hexen kommen, Tübingen 1987
(37) HZ vom 4.12.1988
(38) Ruthe, R., Medien, Magier, Mächte, Moers 1988
(39) Wenisch, B., Satanismus, Stuttgart 1988
(40) Eliade, M., Geschichte der religiösen Ideen, Freiburg 1991
(41) Moser, D.-R., Glaube im Abseits, Darmstadt 1992
(42) Bächtold-Stäuble, H. (Hrg.), Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, 1987
(43) Bericht des Allensbacher Institutes 2005, in: HNP vom 27.4.2005
(44) OKR-Mitteilung vom 12.6.2003
(45) Originaluntersuchung von Badura, M., Herr, nimm du die Warzen mit, Tübingen 2004
(46) HNP 5.1.2005; Anmerkung: der 6.1. gilt als Berchten- und Hexentag
(47) Canavaggio, P., Le diccionaire des superstitions, Verviers 1977
(48) FAZ vom 12.11.1996
(49) dpa über HNP, 10. Woche 2005
(50) HNP vom 23.2.2005
(51) HNP 20.4.2005
(52) HNP 14.5.2005
(53) Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen 74-IX 78, S.14
(54) Waldenfels, H, zitiert in (18)
(55) Hense, A., zitiert in (18)
(56) BVwG (=NJW 1994, 954ff) und BayVGH (=BayVBl. 1994,721ff)
(57) Kleine, M., Institutionalisierte Verfassungswidrigkeiten im Verhältnis von Staat und
Kirchen unter dem Grundgesetz, in: Universitätsschriften 115, Baden-Baden 1993
(58) vgl. JUS 1972, 330ff
(59) VG´e Saarland v.10.11.1986 und Stuttgart v. 6.11.1991
(60) vgl. Jarass, BImSchG, § 22, Anm. 20
(61) Kramer, K., Glocken in Geschichte und Gegenwart, Karlsruhe 1986 (kath. Seite)
(62) Glockenerlass der Evangelischen Landeskirche in Württemberg vom 21.9.1967
(63) vgl. Koch, in: Erbguth, Abwägung im Recht, S.9 ff, sowie BvwGE 79, 254ff u. LG Aschaffbg. 1999
(64) vgl. Laubinger, in: Verwaltungsarchiv 1992, 632ff
(65) vgl. Emnid in Sonntagblatt 26/ 1997
(66) Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg
(67) "Kruzifixurteil" des BayVGH
(68) vgl. Veröffentlichung der Konfessionszugehörigkeiten durch Statistisches Landesamt

 
 
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