IG Stiller - www.nachtruhe.info
"Jedem edlen Ohr Kommt das Geklingel widrig vor.
Und das verfluchte Bim-Bam-Bimmel,
Umnebelnd heiteren Abendhimmel,
Mischt sich in jegliches Begebnis,
Vom ersten Bad bis zum Begräbnis,
Als wäre zwischen Bim und Baum
Das Leben ein verschollner Traum."

Johann Wolfgang Goethe (in Faust)
Johann Wolfgang Goethe (in Faust)

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Laut Stiller-Umfragen sind nicht nur die Glocken auf den Kirchtürmen eine störende Lärmquelle, sondern auch die Glocken am Hals der Kühe. Hinzu kommt der Schaden, den die Tiere selbst tragen müssen.

Hier finden Sie einige nützliche Informationen zu diesem Thema:

1. Bundesgerichtsurteil vom 29. Mai 1975

2. Pressemitteilungen

3. Fachstelle Lärmschutz des Kantons Zürich: Kirchenglockenlärm und Kuhglockenlärm

4. Sind Kuhglocken Tierquälerei?

 

Pressemitteilung vom Herbst 2009
 
Tierglocken und Tierschutz
 

Menschen tragen nur selten Glocken. Trotzdem gehen sie davon aus, dass Tieren dies problemlos zugemutet werden kann. Selbst Tierschutzorganisationen finden es nicht für nötig, die Grösse der Glocken und die Tragezeit zu beschränken. Tierglocken stehen eben für Heimat und Swissness und dies ist heute noch wichtiger wie Tierschutz.

 
Einführung

Wenn Tiere Glocken tragen müssen, so ist für sie zumindest der Lärm lästig. Bei grossen Glocken stören auch die Form und das Gewicht der Glocke und schlussendlich kann auch die Reibung durch den Glockengurt Leiden verursachen. In einzelnen Fällen kann sogar von Tierquälerei ge­spro­chen werden. So z.B. bei der Kuh mit der hand­gros­sen offenen Wunde im Nacken (Bild 1 und 2). Trotzdem gibt es in der Schweiz keine Vorschrif­ten, welche die Tiere vor zu grossen Glocken oder zu langem Tragen der Glocken schützen. Herr Beat Kappeler formu­lierte es treffend: „. …Bei der Landwirtschaft gelten andere Gesetze. So schützt auch die neue, büro­kra­tisch-detaillierte Tierschutzverord­nung auf 153 Seiten Wellensitti­che und misst den Aus­lauf für Elche, aber den Nerven von Kühen mutet die Verord­nung den lauten Glocken­lärm di­rekt unter den schönen, weiss umflorten Ohren zu. Feige wich das Bundesamt dem herge­bra­ch­ten Brauchtum"1]. Die Verantwortung liegt aber nicht allein beim Bundesamt für Veterinärwesen. Die meisten Tierschutz­organisationen waren ebenso untätig. Einzig vom Tier­schutz­bund Innerschweiz ist bekannt, dass er das Problem erkannt hat. So schrieb Herr Vanja Pal­mers in einem Leserbrief: „Wie würden wir uns fühlen, wenn wir Tag und Nacht, direkt bei unseren Ohren, eine grosse Glocke um den Hals tragen müssten?“ Gleich­zeitig vermutet er, dass bei wissenschaftlichen Unter­suchun­gen schwere Gehörschä­den der betroffenen Tiere ans Tageslicht kommen würden[2].

 
Umfrage bei Tierschutz­organisationen und Labels

Eine Umfrage bei Tierschutz­organisationen und Labels (STS, KAGfrei­land, Migros, Coop, Demeter, Bio Suisse) zeigte, dass keine dieser Organi­sationen den Glocken­gebrauch thema­tisiert um etwa die Grösse der Glocken oder die Länge der Tragezeit zu beschränken. Einzig KAGfreiland findet, dass den Kühen keine Glocken umgehängt werden sollen: „Glocken, die den Kühen hier auf Heimweiden umgehängt werden, haben keine Funktion und sind nur lästig für die Tiere.“ Doch auch KAGfrei­land hat keine Vorschriften für einen „tier­ger­echten“ Glockengebrauch sondern hofft nur, dass Bauern mit einem Laufstall kaum auf die Idee kommen, den Tieren Glocken anzu­hängen. Dies weil die Glocken beim Anschlagen an die Stalleinrichtung wohl kaputt gehen würden. Doch zurück zur Kuh mit einer handgros­sen offenen Wunde im Nacken. Sie hat viele Tausend Liter Biomilch produziert und wurde am Schluss wohl zu Biofleisch verarbeitet. Bio Suisse wäre zwar gerne dem konkreten Fall nach­gegangen, aber ein weiterer Handlungsbedarf wird verneint. Was den Lärm betrifft, wird festgehalten, dass sich Tiere gut daran gewöhnen. „Fundierte Untersuchungen, die tatsächlich einen Schaden für die Tiere belegen, würde Bio Suisse ernst nehmen und im Kontakt mit dem Schweizer Tierschutz (STS) überprüfen“. Der STS selber hat vorgeschlagen, solche wissen­schaftliche Untersuchungen anzuregen. Solange die Schädlichkeit des Glockentragens nicht wissenschaftlich nachgewie­sen ist, will er aber weiter nicht aktiv werden. Unter­suchungen wären zwar interes­sant – nötig sind sie nicht. Anstelle von Tier­versuchen könnten ganz einfach Menschen beobachtet werden. Dabei würde offensichtlich, dass nur ganz wenige Menschen Glocken tragen. Einerseits sind es Kinder und Jugendliche, welche tagsüber kleine Glöckchen tragen oder es sind Erwachsene, welche kurzfristig grosse Glocken tragen (z.B. an Sportveranstaltungen). Es gibt aber offensichtlich keine Menschen, welche freiwillig längerfristig Glocken tragen. Nur bei der Sklavenhaltung ist das vorgekommen.

 
Sinn und Zweck der Tierglocken

Die Grundidee von Kuhglocken sei, dass die Tiere auf den Weiden auch bei Nacht und Nebel gefunden werden können, findet der Schweizerische Bauernverband (SBV)[3]. Wenn der Verband recht hätte, so wären Kuhglocken doch nichts anderes als ein veraltetes Alarm­system, bei welchem die „Sirene“ immer am „Heulen“ ist. Zwar mögen Glocken hilfreich sein bei der Suche nach lebenden Tieren, aber der ursprüngliche Sinn und Zweck ist offensichtlich ein anderer. Schellen waren ursprünglich Kult- resp. Musik- und Tanzinstru­men­te[4]. Schon zu biblischen resp. römischen Zeiten wurden Tiere mit Schellen geschmückt. Dabei ist es um eine Art Lobpreisung Gottes[5], um Zauber­schutz[6] oder Schutz vor Unheil gegangen. Letzteres soll auch heute noch der Hauptgrund sein, den Tieren Schellen anzu­hängen[7]. Subventions­bedingt ist es in der Schweiz speziell in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer dramatischen Vermehrung der Tierglocken gekommen. Damit einher­gehend kam es zu einem lieb- und masslosen Einsatz, sodass viele Herden­tiere ihre Glocken auch im Winter im Stall tragen müssen und oft unerträglich grosse Glocken eingesetzt werden. C.G. Jung interpretiert den Grund, dass wir uns so gern mit Lärm umgeben, wie folgt: „Der Lärm schützt uns vor peinlichem Nachdenken, er zerstreut ängstliche Träume, er versichert uns, dass wir ja alle zusammen seien und ein solches Getöse veranlassen, dass niemand es wagt, uns anzu­greifen“[8]. Vielleicht geht es heute aber auch um eine Machtdemonstra­tion – gegenüber den Tieren und gegenüber den Anwoh­nern. So vermutet ein Mitarbeiter einer Tierschutzorga­nisation, dass es ein­fach ein Brauch wäre, mit dem gegenüber dem Nichtbauer bäuerliche Trotzigkeit demon­st­riert werden soll.

 
SBV denkt um

Diesbezüglich hat der SBV nun aber die Weichen gestellt. Dies zeigt zumindest der Artikel „Viel Lärm um Kuhglocken“ der SBV Juristin Isabelle Chervet. Darin wird mit Hinweis auf verschiedene Gerichtsurteile endlich empfohlen, bei Lärmreklamation in der Nähe der Wohnzone nachts auf Glocken zu verzichten. Dies ist ein veritabler Fortschritt, denn in der Vergangenheit wurden solche Reklamationen von den Bauern oft nicht ernst genom­men. Teilweise wurden im Falle von Reklamationen sogar noch mehr Glocken an die Tiere gehängt – was die Theorie der Trotzreaktion bestätigt.

 
Der Fall Herisau

Die IG Stiller berät immer wieder Anwohner, welche durch Tierglocken gestört werden. Zwei aktuelle Fälle aus dem Jahr 2009 zeigen, wie ver­schieden solche Geschichten verlaufen können. Ein Fall spielte sich in einem Quartier von Herisau ab, wo Anwohner schon seit Jahren unter dem Glocken­lärm leiden. Das Fass zum überlaufen gebracht hat eine Aktion, bei welcher der Bauer seine beglockten Rinder während der Nacht (!) stundenlang herumge­trieben hat. Sinn und Zweck der Aktion ist nicht bekannt geworden. Vielleicht war es eine simple Trotzreaktion. Denn die Gemeinde hat dem Bauer schon letztes Jahr den Gebrauch von Glocken im betroffenen Gebiet verboten. Am 27.Juli 2009 wurde uns dann vom Gemeinde­präsidenten mitgeteilt, dass die betroffenen Rinder keine Glocken mehr tragen.

 
Der kreative Gemeindeammann

 

Der andere Fall (das Dorf soll wegen Angst vor Mobbing nicht genannt werden) ist leider nicht gelöst. Der betroffene Gemeindeammann zeigte mit folgender Behauptung eine gewisse Kreativität: "Das Tierschutzgesetz schreibt es Nutztierhaltern in Wohngegenden zwingend vor, allen Nutz- und Weidetieren in der Nähe von Wohngebieten eine Glocke umzuhängen." Das klang so überzeugend und war so gekonnt mit juristischen Phrasen versetzt, dass unser Lärmgeplagter Mitbürger beinahe für Bares teuren juristischen Rat in Anspruch genommen hätte. Dank der IG Stiller konnten dann aber immerhin diese Kosten vermieden werden. Die Aussage des Gemeindeammanns ist natürlich frei erfunden. Tiere kommen ohne Glocken zur Welt und können gut auch ohne leben. Wie wir gezeigt haben, ist das Gegenteil der Behaup­tung des Gemeindeammanns richtig: Tierglocken sind für Tiere lästig und im Extremfall Tierquälerei.

 


[1] Beat Kappeler, NZZ vom 8. Juni 2008: Kühe fressen zuviel Geld.

[2] Leserbrief von Hans Vanja Palmers in der Neuen Luzerner Zeitungvom vom 8. August. 2005 (http://www.nachtruhe.info/news/verursachen-kuhglocken-hoerschaeden.xhtml)

[3] Mathias Singer, Stab/Kommunikation SBV, Luzerner Nachrichten vom 13.8.05 

[4]2.Mose 28,33 : 28,33 Und unten an seinem Saum sollst du Granatäpfel machen aus blauem und rotem Purpur und Scharlach ringsherum und zwischen sie goldene Schellen auch ringsherum, 28,34... 2.Mose 39,25 : 39,25 und machten Schellen aus feinem Golde; die taten sie zwischen die Granatäpfel ringsherum am Saum des Obergewandes, je einen Granatapfel und eine Schelle... 2.Sam 6,5 : 6,5 tanzten David und ganz Israel vor dem HERRN her mit aller Macht im Reigen, mit Liedern, mit Harfen und Psaltern und Pauken und Schellen und Zimbeln.

[5]Sach 14,20 : 14,20 Zu der Zeit wird auf den Schellen der Rosse stehen (a) «Heilig dem HERRN».

[6]Niederberger, Hans­peter et Hirtler Christof: Geister, Bann und Herrgotts­winkel. Brunner Verlag 2000, S. 204: „Seit der Antike galt Lärm als Mittel, um geisterhafte Wesen und Dämonen abzuwehren. Die bekanntesten Lärmumzüge finden von anfangs Dezember bis zur Fasnacht statt. Als Lärminstrument werden Pfeifen, Glocken, Peitschen, Kuhhörner, Tritonshörner, Rätschen, Trommeln und vieles mehr gebraucht. Soweit der Schall drang, waren Dämonen und Hexen machtlos. Das wichtigste Lärminstrument war die Glocke. Sie war ursprünglich ein Kultobjekt und diente der Dämonenabwehr. Man fand Glocken als Beigabe in römischen Gräbern. Sie sollten die Toten vor dem Unfug der Geister schützen. Glöckchenamulette wurden später kleinen Kindern und Tieren zum Schutz gegen Behexung umgehängt.

[7]Weiss, Richard: Das Alpwesen Graubündens. Zitiert nach Appenzeller Zeitung vom 24.8.05 („Plümpa“: Die Magie der Glocken von Brigitte Schmid-Gugler)

 

 

 
 
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