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 "Stille ist heute als Loch im Lärmteppich definierbar."

Peter Cerwenka

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Aufs Läuten können wir nicht verzichten  
6. September 2007
Quelle: Zeitung.org

Weiden. (mte) Für Pfarrer Siegfried Wölfel von Maria Waldrast sind Kirchenglocken ein Instrument, dessen Klang ihn immer wieder aufs Neue fasziniert. Einige Nachbarn sehen das anders. Nämlich ähnlich wie Pater Alfons Tony von der Augustinerkirche. Der Geistliche sagt: "Wir läuten beispielsweise um 6 Uhr wegen des Klinikums in unmittelbarer Nachbarschaft nicht. Wir wollen ja keinen religiösen Psychoterror ausüben."

Also bleiben in der Augustinerkirche die Glocken stumm, während sie anderswo pünktlich läuten, beispielsweise am Freitag - zur Erinnerung an die Sterbestunde Jesus Christi -, am Samstag - hier wird der Sonntag eingeläutet - oder zur Erinnerung an das Angelus-Gebet. Und die Rücksichtnahme der Klosterkirche geht noch weiter. "Wir läuten auch werktags zu unseren Gottesdiensten nicht", betont Pater Alfons Tony. Die Läutordnung der Diözese - "Sie ist nur eine Maßgabe", betont der Pressesprecher der Regensburger Diözese Jakob Schötz - hin oder her. In der Praxis sind lokale Gegebenheiten ausschlaggebend. Auch bei Pfarrer Siegfried Wölfel.

Der Geistliche zählt auf, wann die vier Glocken von Maria Waldrast stumm bleiben: "Wir machen kein Freitagsläuten." Auch zur Wandlung ertönen die Glocken nicht. Dafür ist der Schlag der Kirchturmuhr 24 Stunden zu hören. Gab es deshalb schon Beschwerden? "Immer wieder mal", sagt Wölfel. Dann erinnert sich der katholische Pfarrer an die Umfrage zum Glockengeläut, die sein Vorgänger in der Pfarrgemeinde Maria Waldrast gemacht habe. "Das Ergebnis zeigte, dass die Gemeindemitglieder das Läuten als Kulturgut empfanden." Damals. Heute ertönen kritischere Stimmen. Läuten? Okay. Aber der Uhrschlag müsse nicht sein. "Deshalb berät nun im September der Pfarrgemeinderat darüber, ob das Uhrschlagwerk künftig zwischen 22 und 6 Uhr ausgesetzt wird."

Zu Recht? "Das Argument eines Gemeindemitglieds, dass das wegen des Weckers neben dem Bett überflüssig geworden ist, lasse ich ja gelten", sagt Wölfel. Ihn persönlich störe das Schlagen allerdings nicht. Seit neun Jahren wohne er direkt neben dem Kirchenturm. Trotzdem zeigt der Pfarrer Verständnis. "Wir wollen ja keinem zu nahe treten. Wenn er wegen des Uhrschlagwerks nachts nicht schlafen kann, stellen wir es ab." Mehr Entgegenkommen aber kann sich der Geistliche nicht vorstellen: "Aufs Läuten an sich können wir nicht verzichten."

Stundenschlag reaktivieren

Die Kirchengemeinde St. Elisabeth , nur wenige hundert Meter Luftlinie von Maria Waldrast entfernt, trägt sich mit exakt gegensätzlichen Gedanken. "Am Glockenschlag ist bei uns seit mehr als 20 Jahren keine Uhrzeit mehr zu erkennen", sagt Mesner Thomas Schiller. Die Glocken schweigen. Doch vielleicht nicht mehr lange. "Der Stundenschlag soll reaktiviert werden." Darüber würden derzeit Pfarrer Peter Brolich und die Pfarrgemeinde diskutieren. Entscheiden sie sich für den Stundenschlag, ist die Kirchenverwaltung wegen einer Finanzspritze für die vermutlich fällige neue Motorik gefragt. Aber noch ist das Zukunftsmusik.

Ein Herz für Langschläfer zeigt Pfarrer Gerhard Pausch von Herz Jesu . "Das Morgenläuten um 6 Uhr unterbleibt. Das habe ich von meinem Vorgänger für die Leute übernommen, die ausschlafen wollen. Bei uns geht es erst um 7 Uhr los."

Eine solche Regelung gibt es in der Kirche St. Johannes nicht. Pünktlich um 6 Uhr setzt hier das Angelus-Läuten ein. Auch sonntags. Beschwerden? "Nur von Zugezogenen", sagt Pfarrer Georg Schönberger. "Aber die haben sich auch immer ganz schnell daran gewöhnt." Der Geistliche kennt gar viele Gemeindemitglieder, die sagen würden: "Bin ich immer froh, wenn es am Sonntag um 6 Uhr läutet. Dann weiß ich, dass ich noch eine Stunde liegen bleiben darf."

Nicht zu überhören: 15 Minuten läuteten einst die fünf Glocken der Kirche St. Konrad vor jedem Hochfest wie Ostern und Weihnachten durch. Damit machte Pfarrer Johannes Lukas 2002 Schluss. "Das scheint zu genügen. Seither kamen keine Anfragen mehr", freut sich der Geistliche. Auch nicht aus dem Altenheim nebenan. "Von dort stört niemanden das 6-Uhr-Läuten."

Wenige Meter entfernt steht die evangelische Kirche St. Markus . Hier beschweren sich immer wieder die Anwohner, erzählt Mesner Hans Träger. Deshalb verzichte die Gemeinde zumindest am Sonntag auch auf das 6-Uhr-Läuten. "Die Anwohner regen sich auf", sagt Träger. Verständnis für den Ärger hat er nicht. "Dabei haben die doch alle gewusst, dass sie neben eine Kirche ziehen." Übrigens ziere St. Markus keine Uhr. "Damals fehlte das Geld für so etwas", sagt Träger.

Praktisch geht Mesner Alois Braun in Rothenstadt bei St. Marien an seine Aufgabe heran. Der Mann verfügt über 18 Jahre Erfahrung. "Früher hat's manchen zu lange geläutet. Also habe ich die Läutdauer vor den Gottesdiensten ein wenig verkürzt." Statt wie früher drei Minuten läutet es heute nur noch eineinhalb bis zwei Minuten vor der Messe. Beim Kindergottesdienst am Mittwochnachmittag lässt der Mesner das Einladungsläuten 15 Minuten vor der Messe gar ganz ausfallen. Ansonsten würden die Kinder beim ersten Schlag in die Kirche stürmen. "Sie denken dann immer, dass sie schon zu spät dran sind."

Je nach Mesner verschieden

Die Folge? "Die jungen Leute sitzen lange in den Bänken und müssen warten. Da fällt ihnen nix G'scheites ein." Deshalb genügt laut Alois Braun das einmalige Läuten fünf Minuten vor Gottesdienstbeginn. "Aber da sind wir uns nicht ganz einig", sagt Braun und spielt auf seinen Mesnerkollegen an. Dementsprechend flexibel werde das gehandhabt.

Weniger flexibel handhabt die Kirche St. Michael ihre Schläge zur vollen Stunde. Dafür sind sie eine echte Besonderheit. Die vier Takte zur vollen Stunde erklingen nämlich vor der vollen Stunde. Verständnisschwierigkeiten? Hier folgt ein Beispiel: Pünktlich um beispielsweise 19 Uhr läutet es sieben Mal. Allerdings erklingen etwa zehn Sekunden vor 19 Uhr bereits vier Mal die Glocken, um die volle Stunde hörbar zu machen. Zeitgleich setzt die katholische Kirche St. Josef mit den vier Schlägen für 19 Uhr an - und läutet sieben Mal weiter, wenn die Glocken von St. Michael bereits wieder verstummt sind.

Apropos St. Josef: Alt-Mesner Werner Wilzek - 40 Jahre war er im Amt - regt das Glockengeläut von St. Josef derzeit auf. "Glocke Nummer vier ist kaputt. Dass das keiner hört. Ich höre es sofort. Hoffentlich kümmert sich der Wartungsdienst bald darum."

Für ähnlich feinsinnige Ohren ist in Neunkirchen die gelebte Ökumene hörbar. Die beiden Kirchen, die evangelische St. Dionysius sowie die gleichnamige katholische Kirche, läuten im Wechsel zum Gebet. Von Mai bis Oktober erklingen morgens die Glocken der evangelischen Kirche, am Abend die der katholischen. In den anderen Monaten tauschen die Gotteshäuser die "Läutschichten": Dann sind morgens die Katholiken und abends die Protestanten dran. "Das ist einfach Tradition", verrät die Mesnerin der evangelischen Kirche Ingeborg Klier. Wortklauberei gibt es in Neunkirchen auch nicht. Angelus nennen es die Katholiken, Gebetsläuten die Protestanten. Gemeint sei ja eh das Gleiche, meint Konrad Neumann. Der Mesner der Katholiken ergänzt: "Beschwerden gab es bei uns noch nie und ich bin jetzt seit 33 Jahren Mesner."

Zum Stichwort Beschwerden wegen des Geläuts fällt Pfarrer Siegfried Wölfel eine Urlaubsanekdote ein. Damals in Damaskus ...: "Da gibt es, glaube ich, 100 Minaretts. Ab 3.30 Uhr schreit von jedem ein Muezzin fünf Mal in einer Lautstärke aus einem Lautsprecher, dass es dich aus dem Bett hebt." Wölfels Fazit: "Das ist Lärmbelästigung! Unsere Glocken sind wohlklingende Instrumente."

 
 
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