IG Stiller - www.nachtruhe.info
"Bei der Landwirtschaft gelten andere Gesetze.
So schützt auch die neue, bürokratisch-detaillierte Tierschutzverordnung auf 153 Seiten Wellensittiche und misst den Auslauf für Elche, aber den Nerven von Kühen mutet die Verordnung den lauten Glockenlärm direkt unter den schönen, weiss umflorten Ohren zu.
Feige wich das Bundesamt dem hergebrachten Brauchtum."

Beat Kappeler (Journalist und Autor)
Beat Kappeler (Journalist und Autor)

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Brief der IG Stiller an zwei Bundesräte in Bern  
25. Januar 2006
Quelle: Pressemitteilung der IG Stiller

Sehr geehrte Herren Bundesräte Leuenberger und Blocher

Letzte Woche ist mit Amriswil schon wieder ein Fall einer Glockenlärmklage bekannt geworden. Die Fälle häufen sich. Die Frequenz nimmt zu. Immer weniger Menschen verstehen, wieso sich Kirchen und Landwirte nicht an die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten halten müssen.

Zur Frage, wie viel Einwohner der Schweiz durch Glockenlärm gestört werden, liegt jetzt eine erste Meta-Analyse vor (siehe unten).

Wir möchten Sie bitten, das Problem Glockenlärm an die Hand zu nehmen. Zu viele Einwohner leiden darunter, zu viele Behörden, Beamten und Richter müssen sich damit herumschlagen.

Eine eidgenössische Lösung tut Not.

Mit freundlichen Grüssen
IG Stiller

 

Umfragen zu Glockenlärm

Eine Meta-Analyse

Einführung und Methode

Glockenlärm wurde in der Vergangenheit bei Lärmumfragen einfach nicht berücksichtigt. So z.B. bei der Lärmumfrage des Deutschen Umweltbundesamtes im Jahr 2002. (Online-Umfrage zur Lärmbelästigung in Deutschland)
Die erste uns bekannte Lärmumfrage, welche Glockenlärm nicht vernachlässigte, war die Umfrage der IG Stiller in Trogen im Jahr 2003. (Büechi S: Lärm auf dem Lande. Eine Umfrage der IG Stiller in Trogen. IG Stiller Version 2005) 2005 wurden vier weitere Umfragen publiziert resp. bekannt, welche über die Belastung der schweizerischen Bevölkerung durch Glockenlärm informieren. Diese fünf Umfragen werden im Folgenden analysiert.

Resultate

Das LINK Institut führte im Auftrag der Coop Zeitung 2005 eine Umfrage durch. Die Frage lautete: Stört Sie das Läuten der Kirchenglocken? An der Umfrage beteiligten sich 676 Personen. 10 % der Gefragten wurden durch Kirchenglocken gestört: 7% „nur“ in der Nacht, 1 % „nur“ am Tag und 2 % Tag und Nacht.
(Coop Zeitung, Nr. 32. Repräsentative Meinungsumfrage von LINK/676 INT)

Dieses Resultat deckt sich mit demjenigen der Umfrage, welche im gleichen Jahr im Auftrag der Gemeindebehörden in Wiesendangen durchgeführt wurde. Danach werden 12 % von 300 über 15 Jahre alten Einwohnern der politischen Gemeinde Wiesendangen vom Glockenlärm gestört [4].
(Anonym: Nachtruhe statt Glockenlärm: Glockenlaerm.de sowie persönliche Mitteilung vom 23.1.06 von Herrn Höhener, Gemeindeverwaltung Wiesendangen)

2005 wurde zudem von den Gemeindebehörden von Beinwil am See eine Umfrage organisiert. Von 143 verteilten Umfrage­bögen wurden 114 ausgefüllt retourniert. 19 % davon empfinden den Kirchen­glockenlärm als wenig störend, 4 % mässig störend, 7 % störend und 10 % massiv störend: Insgesamt also 40 % Gestörte.
(Protokoll des Gemeinderates von der Sitzung vom 25.10.05 sowie persönliche Mitteilung von Herrn Alfons Gabriel, Beinwil am See)

An den Umfragen der IG Stiller in Trogen 2003 und im Quartier Heiligkreuz in St. Gallen 2005
(Büechi S et Holzer H: Nachtruhe und Lärm. Eine Umfrage der IG Stiller im Quartier Heiligkreuz von St. Gallen. IG Stiller 2005) beteiligten sich in Trogen 134 Einwohner und in St. Gallen 82. Da vor allem durch Lärm gestörte Personen angesprochen wurden, geben diese Umfragen keine Auskunft zur Frage, wie viel Prozent der Einwohner sich an einer Lärmart stören. Sie zeigen aber die Relevanz der einzelnen Lärmarten im Vergleich zu anderen Lärmarten.

Werden die Anzahl der Gestörten der beiden Umfragen zusammengezählt, ergibt sich folgende Reihenfolge: Strassenverkehr (129), Hundegebell (73), Flugverkehr (72), Nachbarn (61), Kirchenglocken (55), Gewerbe/Landwirtschaft (40), Schienenverkehr (29) und Herdengeläut (14). Die wichtigste Kategorie bei diesen beiden Umfragen ist diejenige, der Personen, welche während der Nachtruhezeit stark von Lärm gestört werden.
In dieser Kategorie sind Kirchenglocken (38) und Strassenverkehr (36) gleich häufig vertreten. Flugverkehr (14) und Hundegebell (12) sind bei dieser Auswertung deutlich weniger relevant.
Schienenverkehr und Gewerbe/Landwirtschaft sind für je 6 starke nächtliche Störungen verantwortlich, Nachbarn für 4, Nachtschwärmer, ein Klub und Herdengeläut wurden je einmal erwähnt.

Diskussion

Der Unterschied zwischen den 10 % Gestörten der LINK-Umfrage und den 12 % der Umfrage in Wiesendangen ist gering. Frappant ist dagegen der Unterschied dieser beiden Umfragen zu derjenigen von Beinwil am See mit 40 % Gestörten. Dank der hohen Beteiligung ist diese Umfrage relativ aussagekräftig. Der Unterschied lässt sich dadurch erklären, dass in Beinwil am See nur Bewohner gefragt wurden, welche in Bezug auf den Kläger gleich nah oder näher an den beiden Kirchen wohnten. Zudem melden sich bei einer Aufteilung in fünf Kategorien (nicht störend, wenig störend, mässig störend, störend und massiv störend) wahrscheinlich auch mehr Gestörte als bei der Frage „stört Sie das Läuten der Kirchenglocken?“.

Nicht berücksichtigt wurden bei diesen Umfragen diejenigen Personen, welche es noch nicht gemerkt haben,
dass sie gestört werden (oder es nicht merken wollen). Tatsache ist, dass laute Geräusche eine physiologische Reaktion, d.h. Stress auslösen. Nicht berücksichtigt wurden auch diejenigen, welche sich zwar an Glockenlärm stören, es aber geschafft haben, einen Wohnort zu finden, wo sie nicht von Glockenlärm gestört werden.

Die Kombination der beiden Umfragen von Trogen und St. Gallen macht Sinn, da das Studiendesign sehr ähnlich war. Zudem wird mit der Kombination Stadt und Land abgedeckt. Bezüglich der Relevanz des Kirchenglockenlärms gibt es keine wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden Untersuchungsgebieten. Werden nur die starken nächtlichen Störungen gezählt, steht der Kirchenglockenlärm in beiden Fällen auf dem ersten Platz – in Trogen zusammen mit dem Strassenverkehrslärm und in St. Gallen allein.
Zur Störung durch Herdengeläut geben nur die Umfragen der IG Stiller Auskunft. In der Stadt ist das Problem natürlich marginal. Nicht so auf dem Land. Nachdem die Umfrage in Trogen aber im Winter durchgeführt wurde, sind die vorliegenden Resultate sehr vorsichtig zu interpretieren. In Trogen und Im Heiligkreuz wurden 55 Personen durch Kirchenglocken und 14 Personen durch Herdengeläut gestört. Angenommen die 55 Personen entsprechen 10 % der Bevölkerung, dann entsprächen die 14 Personen 2,5 % der Bevölkerung – bezogen auf die Schweiz also etwa 200'000 Einwohner.

Trotz der überraschend hohen Relevanz von Glockenlärm und speziell von Kirchenglockenlärm wurde von staatlichen Stellen bisher nur sehr wenig gegen Glockenlärm unternommen. Eine bemerkenswerte Ausnahme ist die Fachstelle Lärmschutz des Kantons Zürich, welche sowohl in Bezug auf Herdengeläut als auch in Bezug auch Kirchenglocken eine beachtliche Homepage präsentiert:
Fachstelle Lärmschutz des Kantons Zürich: Kirchenglockenlärm / Kuhglockenlärm

Im Gegensatz zu anderen Lärmarten, könnte Glockenlärm einfach und kostengünstig vermieden werden ohne dass die Wirtschaft zu Schaden käme.

Zusammenfassung

Je nach Untersuchungsgebiet und je nach Art der Fragestellung der Umfrage werden mindestens 10 % der schweizerischen Bevölkerung, d.h. über 700'000 Personen zu Hause von Kirchenglockenlärm gestört.
Wenn die Umfrage nur im Umfeld von Kirchen durchgeführt wird, können bis 40 % Gestörte resultieren.

Vergleichende Lärmumfragen der IG Stiller zeigen, dass Kirchenglockenlärm eine der wichtigsten Lärmquellen der Schweiz ist. Auch Herdengeläut ist eine vielfach unterschätzte Lärmquelle an der schätzungsweise 200000 Einwohner der Schweiz leiden.
Speziell in der Nacht, wenn für andere Lärmverursacher Nachtruhe gilt, stört Glockenlärm stark.

 
 
Realisierung: RightSight.ch