IG Stiller - www.nachtruhe.info
"Ueberhaupt wird man finden, jemehr ein Volk Vergnügen an Schellen oder auch Glöckchen findet, die ohne Ordnung durcheinander klingen, desto roher, kindischer oder barbarischer ist es."

Georg Christoph Lichtenberg
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Der Glockenstreit - typisch Trogen?  
16. März 2005
Quelle: St. Galler Tagblatt (von Toni Dörig)

Stören das Läuten und der Zeitschlag die Nachtruhe?
Klage beim Regierungsrat hängig

Trogen. Seit 1999 ist das Glockengeläute in Trogen ein Thema. Die Gemeinde möchte, dass alles bleibt wie es ist. Und Lärmbekämpfer Samuel Büechi beharrt darauf, in der Nacht schlafen zu können. Die Fronten sind verhärtet.

 

Ein Dorf im Grünen: Um die Kirche scharen sich friedlich die Häuser, auf den Weiden grasen Kühe. Ein Idyll. Trogen, diese Mischung «aus Bauernnest und Stein gewordener Grossbürgerlichkeit», wie dieser Tage im Tagesanzeiger zu lesen war, ist bei weitem nicht der einzige ländliche Ort, wo das Läuten der Glocken zum Glaubenskrieg ausgeartet ist. Die einen stört das Gebimmel in ihrer Nachtruhe, die anderen empfinden jede Einschränkung der himmlischen Klänge als Blasphemie. Die Art allerdings, wie man mit dieser eigentlich nicht tonnenschweren, aber halt doch recht sensiblen Frage umgeht, sagt einiges aus über die Gesprächskultur in einer Gemeinde. Vermutlich ist es deshalb kein Zufall, dass man sich gerade in Trogen so schwer tut mit diesem Problem, das einiges zu tun hat mit gegenseitigem Verständnis. Hat man verlernt, aufeinander zuzugehen?

Vom Sinn des Läutens
Die Sicht von Samuel Büechi, Doktor der Pharmazie: «Ich gebe ohne weiteres zu, dass ich einen etwas leichten Schlaf habe.» Leicht genug, wie es scheint, dass er - knapp 200 Meter von der Kirche entfernt - unruhige Nächte verbringt in einem Dorf, wo der Klöppel alle 15 Minuten anzeigt, was die Stunde geschlagen hat. Und damit nicht genug: Das Zeitzeichen am Morgen um sechs Uhr zum Beispiel wird noch begleitet von einem fünfminütigen Glockenläuten. Büechi unterscheidet denn auch genau zwischen Zeitschlag und Läuten, zwischen profanem Glockeneinsatz und kultischem. Er findet: «Das Läuten sollte einen Sinn haben.» Und es sollte das Recht auf Ruhe nicht über das Mass hinaus strapazieren. «Läutete man nicht maschinell, dann würden die Glocken niemals fünf Minuten lang schlagen, von Hand würde man sich mit deutlich weniger begnügen.» Und das würde genügen. «Auch kultisches Läuten sollte nicht länger als ein Gebet dauern.»

Eine Frage der Mehrheit?
Seit 1999, seit er mittels schriftlicher Einsprachen versucht, das Kirchengeläut auf ein auch aus seiner Sicht erträgliches Mass zu reduzieren, hat sich Samuel Büechi zu einer Art Glockenfachmann entwickelt, was die Dezibelzahl betrifft - natürlich, zu laut ist ihm ein Greuel - aber er ist auch dem Zweck dieser Tradition nachgegangen, dem «Guten am Tönen der Glocken». Er, der Lärmgegner hat sich für eine Glockenmeditation eingesetzt, liess - allerdings im benachbarten Bendlehn - die Glocken zum Geburtstag erklingen, setzte sich für Freudenläuten ein und plant um 11 Uhr ein Friedensläuten. Er hat sich auch mit der Bauart der Glocken auseinandergesetzt und findet, dass diejenigen in Trogen zu hart sind und zu kräftig tönen. Also setzte er neue Klöppel durch, ohne allerdings eine grosse Verbesserung gespürt zu haben: «Mit einer sauberen Abstimmung sollte in diesem Bereich jedoch noch einiges drinliegen.» Büechi hat Vorträge gehalten, Artikel geschrieben. Und er hat in Trogen eine Umfrage durchgeführt: Von 800 Bogen wurden 133 zurückgeschickt. 18 fühlten sich in der Nacht durch den Glockenklang stark gestört, etwa gleich viele wie durch den Strassenverkehr. Nun ist aber Ruhestörung nicht einem demokratischen Prinzip unterworfen in dem Sinne, dass sie nur abzuschaffen ist, wenn mehr als die Hälfte der Bewohner nicht mehr schlafen kann: Ein Geplagter könnte genügen. Als Richtlinie dürfte man wohl gelten lassen: Auch eine sensible Person, wenn sie nicht gerade krankhaft mimosenhaft ist, (sodass man für sie andere Lösungen suchen müsste), sollte mit dem in einem Dorf zugemuteten Lärm einigermassen quallos leben können. In Trogen haben sich bei Büechi 18 gemeldet, die sensibel im genannten Sinne zu sein scheinen. Muss oder soll man auf diese keine Rücksicht nehmen?

Ein unbelehrbarer Querulant?
Das sind doch alles Querulanten, motzen die mit einem gesunden, tiefen Schlaf Gesegneten. Oder die mit genügend Entfernung zur Kirche. Und das ist es, was Samuel Büechi ganz besonders ärgert: Er werde behandelt, wie wenn er ein unbelehrbarer Querdenker und Sturkopf sei. Und er, nur er ganz allein. Dabei habe er nachweisen können, dass auch andere unter dem Glockenlärm in der Nacht leiden. Und er hat sich zusammengetan mit Leidensgenossen weit über Trogen hinaus. Seiner IG (Interessengemeinschaft) Stiller gehören Mitglieder aus der ganzen Schweiz an. Und er hat, nachdem seine ersten Bemühungen in einem immerwährenden «es bleibt wie es war» versandet sind, den Weg der Klage beschritten. Zuerst versuchte er es mit einer «nachbarschaftsrechtlichen» Klage, wie er sagt, doch Werner Rechsteiner, der Rechtsberater der Gemeinde und Kirche habe ihm gesagt, der verwaltungsrechtliche Weg sei der richtige. Deshalb habe er auch noch eine solche nachgereicht. Nun sei aber gerade diese Klage von der Gemeinde abgewiesen worden. «Meiner Ansicht nach wird in Trogen nur gemauert, der Gemeinderat blockt einfach ab», findet Büechi. Anfangs sei er noch zu Kompromissen bereit gewesen, weniger wäre mehr, habe er angestrebt, doch heute lasse er nicht mehr gross mit sich reden. Er wolle durch seine Klage erreichen, dass die Glocken in der Nacht schweigen müssen.

Zurückhaltung angesagt
Und die Position der Gemeinde? Weder mit der Erreichbarkeit noch mit der Redefreudigkeit ihrer Vertreter war es weit her. Er möchte in dieser Sache nicht zitiert werden, beschied Rechtsanwalt Werner Rechsteiner, fügte dann aber doch noch an, dass Büechi eine zivilrechtliche Klage mit Argumenten aus dem Umweltschutz begründet habe. Und die verwaltungsrechtliche Klage stütze er auf zivilrechtliche Argumente: Das geht halt nicht!

«Also behalten wir es bei»
Auf dem Handy von Gemeindepräsident Bruno Eigenmann läuteten zwar keine Glocken, aber die Musik spielte mehrmals auf zum Kommentar: Der gewünschte Mobilteilnehmer kann momentan nicht erreicht werden. Trotzdem lässt sich der Standpunkt von Kirche und Gemeinde einigermassen klar zusammenfassen: Die Mehrheit der Trogener stört das Glockengeläute nicht und möchte es beibehalten. Also bleibt alles wie es ist. Und Samuel Büechi wird zugestanden, dass er mit seinem Einsatz zwar seine demokratischen Rechte wahrnimmt, aber es ist spürbar, dass man dies lästig findet, übertrieben halt, fanatisch - wie ein richtiger Querulant. Samuel Büechis Klage geht jetzt an den Regierungsrat, nachdem sie der Kläger weitergezogen hat.

Das Problem ist lösbar
Und damit zurück zur Ausgangsposition: Schon viele Dörfer mussten sich mit dem «ohrenbetörenden» Glockengeläut auseinandersetzen. In touristischen Gefilden jammern Hoteliers, weil die Gäste nicht schlafen können, manchmal aber ist es auch einfach eine Privatperson, die sich in ihrer wohlverdienten Ruhe gestört fühlt. Und allem Lärm zum Trotz bilden die klingenden Glocken für viele ein Stück Heimat, religiöse Geborgenheit. Aber dieser Widerspruch in der Wahrnehmung führt nicht zu unlösbaren Konflikten, wenn Befürworter und Gegner sich ernst nehmen. Das Problem aber ist wahrscheinlich noch gar nie gelöst worden, ohne gegenseitiges Entgegenkommen. Nirgends wurden die Glocken eingeschmolzen wegen der Lärmgegner. Und nirgends ist das Dorfleben im Chaos versunken, weil morgens um 2.45 Uhr der Zeitschlag ausblieb. Fazit: Die Kirchenglocken fordern auf zum Kompromiss, auch in Trogen.

 
 
Realisierung: RightSight.ch