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Das Wort "Glocke" kommt in der Bibel nicht vor!
"Läute dem Herrn und warte auf ihn" suchen wir darin vergebens.

Wir finden aber:
"Sei stille dem Herrn und warte auf ihn."

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Dom in St. Gallen - Glocken sollen nachts schweigen  
13. Juli 2009
Quelle: Tages Anzeiger (Von: Antonio Cortesi)

Felix Mätzler und der Dom in St. Gallen: Nachtruhe statt Glockenlärm ist gefragt.

Der Kampf gegen den Lärm von Kirchenglocken erhält eine neue Dimension. In St. Gallen hat ein Anwohner das Domgeläut ins Visier genommen. Ein Streit zwischen David und Goliath.

Gerade mal hundert Meter trennen ihn von den mächtigen Glocken der Kathedrale. Eine kurze Distanz mit weitreichenden Folgen. Bei offenem Fenster schlafen wäre eine Tortur. Aber selbst bei verriegelter Wohnung ist an einen tiefen, gesunden Schlaf nicht zu denken. «Es ist abstrus, dass man mich um drei Uhr morgens weckt, um mir mitzuteilen, wie spät es ist», sagt Felix Mätzler und lächelt etwas verquält. Noch hat er den Humor nicht ganz verloren.
 

Achtmal Bimbam pro Stunde

Doch die Lage ist ernst. Mätzler, der vielen als früherer DRS-3-Moderator in Erinnerung sein dürfte und heute als selbstständiger Medientrainer arbeitet, wohnt in der idyllischen St. Galler Altstadt an bester Lage. Wenn nur dieses ewige Gebimmel nicht wäre! Achtmal pro Stunde ertönt der Glockenschlag – eine Besonderheit der Domkirche. Denn der sogenannte Vorstreich – jeweils fünf Minuten vor der viertelstündlichen Zeitansage – sollte die Mönche zum Gebet rufen. Doch Mönche gibt es im ehemaligen Kloster längst nicht mehr.

«Dieses Geläute ist nicht nur lärmig, sondern in seiner Penetranz auch absurd», sagt Mätzler. Also beschloss er vor drei Jahren sich zu wehren. Er befindet sich in guter Gesellschaft. Gemäss Umfragen sollen sich schweizweit mindestens zehn Prozent der Bevölkerung von Kirchenglocken gestört fühlen. Und seit die IG Stiller die lokalen Proteste koordiniert, sind auch Erfolge zu verzeichnen – letztmals im ausserrhodischen Trogen, wo die Kirchgemeinde den Lärmpegel mit Schallschutzwänden eindämmte.
 

Gegen das Herz des Bistums

Doch Mätzler, der nebenbei als Medienverantwortlicher der IG Stiller amtet, legte sich mit einem ausserordentlich mächtigen Gegner an. Die St. Galler Kathedrale ist Bischofssitz, somit das Herz eines ganzen Bistums. Den Stiftsbezirk hat die Unesco zum Weltkulturerbe auserkoren. Wer hier seines gestörten Schlafes wegen vorstellig wird, muss damit rechnen, dass ihm eine Jahrhunderte alte Tradition entgegenschlägt. Es ist wie ein Kampf David gegen Goliath.

Bereits zweimal wurde Mätzler von der Kathedralkommission abgekanzelt. Ein Abschalten des Glockenschlages während der Nacht sei aus technischen Gründen schlicht nicht möglich, wurde ihm schriftlich beschieden. Allenfalls wäre dies mit einer teuren Umrüstung der mechanischen Turmuhr möglich, doch sei mit Bedenken des Denkmalschutzes zu rechnen. Falls Herr Mätzler interessiert sei, werde man ihm besagte Probleme gerne im Glockenturm demonstrieren.
 

Glockenpause wegen Opernaufführung

Auf einen Ortstermin hat Mätzler, dem «diese katholisch-höfliche Arroganz» sauer aufstösst, vorerst verzichtet. Was ihn aber noch mehr ärgert, ist die Tatsache, dass die Wächter des Glockenschlags offenbar mit zweierlei Ellen messen. Während der St. Galler Festspiele, die jeweils im Klosterhof stattfinden, schweigen die Glocken nämlich für die Dauer von zwei Wochen. «Ist der ungestörte Schlaf der Anwohner aber nicht ebenso viel wert wie eine von Zwischentönen verschonte Opernaufführung?»

(Siehe auch: St. Gallen: Während Festspielen 'Cavalleria Rusticana' 2007 wurden die Glocken abgestellt.)

Er sei kein Michael Kohlhaas, der bis zum Letzten für sein Recht kämpfe, sagt Mätzler mit Verweis auf die Novelle von Kleist. Der Gang an die Gerichte sei ihm zuwider, wiewohl dieser durchaus erfolgreich sein könnte. Mätzler hat den Lärmpegel mehrmals gemessen, bei offenem Fenster, und registrierte rund 65 Dezibel. Dieser Wert liegt gemäss Lärmschutzverordnung um fünf Punkte über dem Nachtgrenzwert. «Dabei ist mir durchaus bewusst, dass Menschen, die an einer Verkehrsachse oder in einer Flugschneise wohnen, weit schlimmeren Immissionen ausgesetzt sind.»

Nun will Mätzler sein Anliegen bei der Stadtbehörde vorbringen. Ihm schwebt ein Lärmkonzept für sämtliche Kirchen der Stadt vor. Das Wunschziel wäre, dass alle Glocken, ob katholisch oder evangelisch, zwischen 22 und 7 Uhr verstummen. Warum auch nicht? Im erzkatholischen Italien war das auch möglich, wie der Bischof der Diözese Bergamo schon vor Jahren zeigte: Er wies alle Pfarreien an, die Glocken nachts während zehn Stunden schweigen zu lassen.

(Wir berichteten auch hier: IG Stiller kämpft für Nachtruhe beim Dom in St. Gallen.)

 
 
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