IG Stiller - www.nachtruhe.info
"...Viele Kirchgemeinden müssen das musikalische Erlebnis verbessern.
Wenn die Kirchen so läuten, dass die Bewohner die Fenster schliessen, sind die Glocken zu laut, und ihr Klang ist unangenehm..."

Glockenexperte Matthias Walter in der Zeitschrift 'Sonntag'.
Glockenexperte Matthias Walter in der Zeitschrift 'Sonntag'.

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Fast zum Wahnsinn getrieben!  
9. März 2001
Quelle: Wiener Zeitung (von Hilde Weiss)

Totenstille und tödlicher Lärm - Unerhörtes zum Thema Hören

Immer mehr Menschen geben in Umfragen an, zunehmend unter Lärm zu leiden, und dennoch kann der Geräuschpegel - auf historischem Höchststand - von Jahr zu Jahr ziemlich ungestört weiter anwachsen. Lärm ist ein seltsames Phänomen in der Menschheitsgeschichte. Im Gilgamesch-Epos wurden die Menschen für Lärmerzeugung mit der großen Flut bestraft: "In diesen Tagen wimmelte es nur so auf der Erde, die Welt brüllte wie ein Stier und der große Gott wurde durch den Lärm gestört."

Folter durch Glockenlärm

In manchen Kulturen wurde mittels Lärm gefoltert. Im alten China gab es die Todesstrafe durch Lärm: Der Verurteilte wurde unter eine große Glocke gelegt, die der Henker schlug. Allerdings kam diese Art der Todesstrafe nur bei besonders schweren Vergehen zum Einsatz, "denn das ist der qualvollste Tod, den ein Mensch erleiden kann", hieß es im Gesetz.

Der Glockenlärm ist leider auch heute noch oft eine der qualvollsten Lärmbelästigungen während der gesetzlich vorgeschriebenen Nachtruhe!

Die einschüchternde, angst- und respekteinflößende Wirkung von Lärm wurde von jeher gezielt eingesetzt: vor allem als Anschreien von Kindern und Untergebenen sowie als Kriegsgeschrei. Für letzteren Zweck leistete man sich mancherorts eigene Lärmtruppen und beschäftigte Ingenieure mit immer neuen Lärmerfindungen und Komponisten mit dem expliziten Auftrag, die Musik möglichst laut ausfallen zu lassen. Lauter als der Gegner zu sein ist in jedem Krieg oberstes Gebot.

Stressfaktor Nachtwächter

Zusätzlich gab es aber immer noch den unvermeidbaren Lärm der Arbeit, der Nutztiere, der Geschäftigkeit der Märkte, das Getrampel der Pferde und das Gepoltere der Wagen und vieles mehr. Als es nachts in den Städten noch dunkel war, war es auch ruhig.
Bis auf das Rufen der Nachtwächter. Diese aus heutiger Sicht idyllische Gegebenheit störte viele enorm und hatte eine endlose Protestflut zur Folge. "Nutzlose Burschen" tituliert ein Ohrenzeuge aus dem 18. Jahrhundert die Wächter und Zeitausrufer, "die keinem anderen Zweck dienen, als die Ruhe der Einwohner zu stören: Ich fahre alle Stunden aus dem Schlaf hoch bei dem schrecklichen Geräusch der Wächter, die die Stunde durch alle Straßen schreien."
Die Straßenlaternen verdrängten bald die Nachtwächter. Je heller die Nacht wurde, umso lauter wurde sie allerdings.

Der viertelstündliche Zeitschlag der Kirchenglocken hat heutezutage den Job des Nachtwächters übernommen - und der sinnlose nächtliche Glockenlärm ist genausowenig idyllisch wie früher das penentrante und komplett nutzlose Schreien des Nachtwächters.


Lärmproteste haben eine interessante und genauso lange wie erfolglose Geschichte. Ebenso die Lärmgesetzgebung. Schon Julius Cäsar verbot alle "Räderfahrzeuge" innerhalb der Stadtgrenzen. Allerdings nur tagsüber, was vielen den Schlaf störte. Eine Lösung konnte offenbar nicht gefunden werden, denn noch Juvenal berichtet: "Es ist absolut unmöglich, irgendwo in der Stadt zu schlafen. Der unaufhörliche Verkehr von Wagen in den Nachbarstraßen genügt, um Tote aufzuwecken."

Keine Stadt ohne Verkehrslärmleid, kann man die weitere Entwicklung zusammenfassen. Einer der unzähligen Lärmgeplagten gab im 17. Jahrhundert zu Protokoll: "Das Kreischen der Räder ist unbeschreiblich. Es ist einfach höllisch." Besonders das Peitschenknallen wurde als störend empfunden. Für Schopenhauer war es die "denkbar gemeinste Ablenkung von geistiger Tätigkeit". Mit dieser Ansicht stand er nicht allein, wie die zahlreichen Gesetze zeigen, die gegen unnötiges Peitschenknallen erlassen wurden.

Ins Kreuzfeuer gerieten auch immer wieder die Marktschreier und Schauspieler. Für besonders heftige Kontroversen sorgten die Straßenmusikanten. Viele von ihnen waren gänzlich unmusikalisch, und so wurde es vielerorts üblich, sie für das Nichtspielen zu bezahlen, "sich freikaufen" genannt. Schon seit dem 16. Jahrhundert versuchte man, diese Art von Lärmbelästigung mit Gesetzen in den Griff zu bekommen. Ohne Erfolg. In einem der vielen Protestschreiben, unter anderem unterfertigt von Dickens, Carlyle und Tennyson, heißt es über "Fiedelquäler", "Orgelleierer", "Balladenschreier" und andere "Erzeuger von schrecklichen Geräuschen":
"Die Unterzeichnenden sind alle Professoren und Praktizierende der einen oder anderen Kunst oder Wissenschaft. Sie, die sich dem Frieden und dem Wohlergehen der Menschheit widmen, werden täglich durch Straßenmusikanten abgelenkt, belästigt, aus der Ruhe gebracht und, völlig entnervt, fast zum Wahnsinn getrieben."
"Kein Straßenhändler, Hausierer, Kleinkrämer, Nachrichtenverkäufer oder andere Person soll durch sein Rufen den Frieden, die Ordnung oder das Wohlergehen der Öffentlichkeit stören", lautete in Kanada noch zu Beginn des 20. Jahrhundert ein Erlass.

Lärm ist zwar ein internationales Problem, dennoch sind deutliche Unterschiede festzustellen: Im Süden Europas und Amerikas sind die Menschen weit weniger lärmempfindlich als im Norden. Die meisten vorindustriellen Lärmverordnungen, in südlichen Regionen spärlicher, aber doch auch vorhanden, richten sich gegen Lärmerregung in der Nacht, gegen Singen, Rufen und Schreien an Sonn- und Feiertagen, gegen das Rollen von Fässern, gegen Hundegebell, das zu laute Schließen von Fenstern und gegen das Kegeln und andere geräuschintensive Spiele im Freien.

Bis zur industriellen Revolution waren die Menschen recht lärmsensibel und noch zur Selbstverteidigung entschlossen. Dabei war das, was sie so zu hören bekamen, vergleichsweise leise. Abgesehen von den Kirchenglocken war das Hämmern der Schmiede bis dahin meist das lauteste von Menschen produzierte Geräusch, und so ein ordentlich geschwungener Schmiedehammer bringt es kaum auf mehr als 100 Dezibel.

100 Dezibel ist extrem laut - und heute erreichen tagsüber Kirchenglocken diesen Wert ohne weiteres!

Allerdings ging das während der Erntezeit, wenn die Werkzeuge regelmäßig geschärft werden mussten, von der Morgendämmerung bis spät in die Nacht. Darum gab es auch allerorts Bestimmungen, wo Schmiede sich ansiedeln und ihr Handwerk ausüben durften. Heute bringt es jeder Rasenmäher auf 90 dBA (Dezibel A ist der heute durch das A-Filter-Verfahren verringert gemessene Wert), jede Motorkettensäge und jeder Presslufthammer auf mindestens 120 dBA. Ein startendes Flugzeug bringt ebenfalls 120 dBA aufs Messgerät, in 600 m Höhe immer noch 105 und als Tiefflieger 140. Rockkonzerte werden bei durchschnittlich 130 dBA genossen. Ab 120 dBA besteht akute Verletzungsgefahr für Hörzellen, bei einem Knall von 150 dBA beginnen Trommelfelle zu platzen. 180 dBA sind tödlich.

Taubheit und Tinnitus

Damit man konzentriert geistig tätig sein kann, darf die Lärmbelastung nicht über 55 dBA anschwellen. Der ganz normale Verkehrslärm bringt es auf 70 bis 85 dBA. Alle leiseren Geräusche verschluckt er, wie etwa ein Flüstern von 20 dBA oder ein sanftes Blätterrauschen von 10 dBA. Will man einfache, mechanisierte Tätigkeiten eher fehlerfrei und ohne Überanstrengung ausführen, darf es die Umwelt auf nicht mehr als 70 dBA bringen, für alle sonstigen Tätigkeiten auf nicht mehr als 85. Ab hier wird es für die Ohren bereits kritisch.

Bei einer Dauerbeschallung (ohne ausreichende Erholungsmöglichkeit) mit 85 dBA und mehr - kleine Lkws, Busse und Motorräder bringen das jederzeit - beginnen die feinen Hörzellen des Ohrs bereits abzusterben. Nach und nach, so dass der Betroffene vorläufig nichts merkt. Der entstandene Schaden ist aber auch mit den Errungenschaften der Hightech-Medizin nicht mehr zu reparieren. Die Folge: Lärmschwerhörigkeit bis zur Taubheit. Auch immer mehr Tinnitusfälle gehen laut ärztlicher Meinung auf das Lärmkonto.

Wie lärmempfindlich man auch vielerorts vorher war, der viel lautere Radau der Industrialisierung, das Getöse und Dröhnen, Klopfen, Pumpern, Poltern und Stampfen samt drastischer Erhöhung des Verkehrsaufkommens wurden vergleichsweise freudig begrüßt. Die enorme Lärmsteigerung stieß kaum auf Widerstand. Auch dann nicht, als man allmählich den Zusammenhang mit zunehmender Schwerhörigkeit und Taubheit durchschaute. Industrie-, Verkehrs- und Baulärm wurden nicht nur schweigend geduldet, sondern blieben auch in ihrer jeweiligen Sinn- und Zweckhaftigkeit unhinterfragt. Und so ging es ab nun in der Lärmgeschichte immer ungenierter zu. Und es ist keine (Schall-)Grenze in Sicht. Laut Untersuchungen nimmt der durchschnittliche Lärmpegel in westlichen Industrieländern pro Jahr noch weiter um ein halbes bis ein Dezibel zu, und das immer flächendeckender, das heißt, es gibt immer weniger Orte und Zeiten der Stille.

Die meisten Gegenden versinken zunehmend in einer gnaden- und lückenlosen Lärmüberflutung, die alles was Ohren hat nachhaltig schädigt. Die Signale der Einsatzfahrzeuge haben, um lauter als der allgemeine Lärmpegel zu sein, international binnen weniger Jahre um 20 bis 25 Dezibel zugelegt. Akustische Umweltverschmutzung nennen das Lärmexperten. Schuld daran sei die immer weiter fortschreitende Technisierung und Elektronisierung (piepspieps), die drastisch gestiegenen Reise- und Freizeitaktivitäten und das immer dichtere Zusammenrücken der Bevölkerung.

Das Problem mit den Ohren ist: sie sind immer auf Empfang. Deshalb sind Mensch und Tier der Lärmbelastung schutzlos ausgeliefert. Ohne den geringsten Aufschub brechen Geräusche in unsere Gedanken und Gefühle - deshalb kommt bei längerer unerwünschter Lärmeinwirkung meist das Gefühl der Ohnmacht auf und, je nach Temperament und Möglichkeit, Apathie oder Aggression. Wie Untersuchungen zeigen, werden psychische Erkrankungen unter Lärmbelastung häufiger und heftiger. Andere Untersuchungen belegen das Zunehmen destruktiver Impulse schon unter mittlerer Lärmeinwirkung und das drastische Nachlassen der Hilfsbereitschaft.

Wie wichtig und wirkungsvoll das ist, was man zu hören bekommt, belegt die Musiktherapie. Man kann über die Ohren heilen, aber auch krank machen. Unter Lärmeinwirkung kommt es zur Hemmung der Magensaft- und Speichelsekretion. Die Folge: nachhaltige Verdauungsstörungen. Besonders belastet wird auch das Herz-Kreislauf-System. Es kommt zu Durchblutungsstörungen, also Mangelversorgung, ansteigendem Blutdruck und bei lange andauernder Belastung zu immer besseren Aussichten auf einen Herzinfarkt.
Das ist aber lange noch nicht alles, was der Lärm (beziehungsweise der Lärmende) alles anrichten kann: Bei Lärmopfern wurden Fehlsteuerungen im Gehirn festgestellt, Veränderungen im Hormonhaushalt und deutliche Beeinträchtigungen des Immunsystems. Unter dem Einfluss von Lärm verändern sich Hautwiderstand und Atmung, das Gleichgewicht des gesamten Organismus verliert an Stabilität, Gedächtnis und Leistungsfähigkeit lassen nach, ebenso Orientierungsvermögen und Bewegungssicherheit. Die Verletzungsgefahr steigt.

Alles in allem: Lärm löst Alarm im Körper aus! Damit ruft er die Herkunft seines Namens ins Gedächtnis: Aus dem mittelfranzösischen alarme und dem italienischen all'arme - zu den Waffen! - entstanden das Mittelhochdeutsche alerm und daraus die Wörter Alarm und Lärm.

Lärm als Droge

Lärm am Arbeitsplatz verringert die Produktivität um 10 bis 20 Prozent. Er fördert Fehlleistungen, Pannen und Unfälle - und er verschlechtert das Betriebsklima. Lärmgewöhnung ist offenbar nicht möglich, ganz im Gegenteil: Nach lang andauernder Lärmbelastung reicht schon eine kleine Lärmdosis, um die gleichen körperlichen und seelischen Reaktionen auszulösen. Es wird, auch wenn sich der Betroffene noch so sehr ums Gegenteil bemüht, nicht immer mehr, sondern immer weniger Lärm vertragen. Laut Untersuchungen ist dieser Prozess unumkehrbar und eskaliert immer rascher.

Ein weiteres interessantes Detail aus der Lärmforschung ist, dass die genannten körperlichen Lärmreaktionen unbestritten ungesund sind, aber dennoch nicht von allen Menschen als unangenehm empfunden werden. Viele Menschen benützen Lärm als Droge. Sie genießen den Alarmzustand ihres Körpers und die aufputschende Wirkung der Stresshormone. Auch ihnen schadet der Lärm letztlich, allerdings nicht so sehr, wie denen, die sich verzweifelt und meist vergeblich gegen ihn wehren. Hier kommt der subjektive Charakter des Lärms zum Tragen: Lärm ist das, was man nicht hören will. So kann ein tropfender Wasserhahn mehr belasten als ein Wasserfall oder ein ganzer Ozean.

Hinter der Lust am Lärmen lässt sich bei genauerer Untersuchung alles Mögliche aufspüren. Zum Beispiel Angst. Viele dieser Abwehrbräuche, bei denen man sich um möglichst große Lautstärke bemüht, tosen, poltern, pumpern und krachen bis heute, zum Beispiel zu Silvester.

Aber auch abseits davon hebt Lärmen verlässlich Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl, frei nach dem Motto: Ich lärme, also bin ich. Der Lautere ist der Stärkere. Er vernichtet die Stille und triumphiert über alle Geräusche, die leiser sind als er.

"Die 'Totenstille' ist dem Menschen unheimlich. Warum?", fragte C. G. Jung: "Gehen da etwa Gespenster um? Das wohl kaum. Das, was in Wirklichkeit gefürchtet wird, ist das, was vom eigenen Innern kommen könnte, nämlich all das, was man sich durch den Lärm vom Hals gehalten hat."

"Der heutige Zustand der Welt ist krank", schrieb Kierkegaard, als es noch um einige Dezibel ruhiger war: "Wenn ich Arzt wäre und man mich fragte, was rätst Du?, ich würde antworten: schaffe Schweigen."

 
 
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