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"Von Seiten des Bistums besteht keine Verpflichtung, die Kirchenglocken morgens zu läuten.
Noch weniger besteht eine Vorschrift bezüglich des Zeitpunktes des Glockengeläutes..."

Ivo Fürer, Altbischof Bistum St. Gallen
Ivo Fürer, Altbischof Bistum St. Gallen

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Die Geschichte des Glockenlärms  
21. Juni 2019
Quelle: IG Stiller - Diverse Quellen

Glocken-Lärm durch die Geschichte

 Glocke, Kirchenglocke, outdoor, draussen.

Einführung
Viele Menschen ertragen die Stille nicht und sind deshalb froh um jedes Geräusch. C.G. Jung schreibt dazu in einem Brief an einen Mitbegründer der Schweizerischen Lärm Liga: „Der Lärm schützt uns vor peinlichem Nachdenken, er zerstreut ängstliche Träume, er versichert uns, dass wir ja alle zusammen seien und ein solches Getöse veranlassen, dass niemand es wagt, uns anzugreifen... Das, was in Wirklichkeit gefürchtet wird, ist das, was vom eigenen Inneren kommen könnte…“ [1].

Geisterbann, Dämonenabwehr, Zauberschutz
Seit der Antike gilt Lärm als Mittel, um Geister und Dämonen abzuwehren. Als Lärminstru-ment werden Pfeifen, Glocken, Peitschen, Kuhhörner, Tritonshörner, Rätschen, Trommeln und vieles mehr gebraucht. Soweit der Schall dringt, sollen Dämonen und Hexen machtlos sein. Das wichtigste Lärminstrument ist die Glocke. Sie war ursprünglich ein Kultobjekt und diente schon in der römischen wie auch in der griechischen Kultur der Dämonenabwehr resp. dem Schutz vor Behexung [2, 3]. Nach Europa kamen die Glocken wahrscheinlich durch die Kelten [4], denn das Wort Glocke soll wie Begriffe des Bergbaus keltischen Ursprungs sein: isarno (= Eisen), scagadt (= Schacht, Höhle, Spalte), mina (= Mine) und clocca (= Glocke) [5].

Bibel
In der Bibel (Luther-Übersetzung) kommt das Wort Glocke nicht vor. Bei Moses und Samuel finden sich Hinweise auf die Verwendung von Schellen als Tanz- und Musikinstrumente. Bei Sacharja findet sich ein Hinweis über die Verwendung von Schellen an Pferden: „Zu der Zeit wird auf den Schellen der Rosse stehen «Heilig dem HERRN»“. Der Grund für diesen Lärmschmuck dürfte allerdings weniger die Lobpreisung als vielmehr die Geltungssucht gewesen sein. Nicht allen hat der damit produzierte Lärm gefallen, so schreibt Paulus im Korinther: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle“ [6].

Frühes Christentum
Auch frühe Kirchenschriftsteller haben die Glocken abgelehnt. So hat Clemens von Alexandrien die Glocken als Instrumente des Irrglaubens gebrandmarkt und Patriarch Johannes Chrysotomos beklagte sich: „Es gab lange das Christentum, ohne dass es sich der Glocken bedient hätte“ [7]. Im Gegensatz zum erfolgreichen Kampf von Moses gegen das „Goldene Kalb“ konnten sich diese Geistlichen beim Glocken-Götzen-Kult aber nicht durchsetzten.

Gallus
Die älteste bekannte Kirchenglocke der Schweiz ist die Gallusglocke. Gallus war ein Jünger von Kolumban. Als diese Mönche um das Jahr 612 nach Bregenz kamen, haben sie einen Glockenturm gebaut und mit der Glocke regelmässig zum Kult gerufen. Dieser Glockenlärm war mitverantwortlich für die Vertreibung von Kolumban und seinen Brüder aus Bregenz [8]. Mitgespielt hat auch der rücksichtslose Umgang dieser Mönche mit andern Religionen, welcher sich schon in Tuggen (Tempelbrand) gezeigt hatte und mit der Zerstörung von Götterstatuen in Bregenz weitergeführt wurde.

Glockenweihe und Hexenhammer
Um sich vom heidnischen Gebrauch der Glocken abzugrenzen, führte die Kirche im 10. Jahrhundert die Glockenweihe ein. Die abwehrende Kraft des Schalls galt nun nicht mehr unbestimmten Dämonen, sondern dem Teufel und seinen Gehilfen, speziell den Hexen. So wurde in Lorcher mit der grossen Glocke geläutet, „damit Hexen nicht über den Rhein kommen“. Ein zentrales Dokument für die magische Glockenverwendung ist der Hexen-hammer: „Aus diesem Grund werden die Glocken gegen die Luft geläutet…, damit die Dämonen wie vor den Gott geweihten Posaunen fliehen und von ihrer Behexung abstehen“ [9]. Aus diesem Grund wurden bei den Hexenverbrennungen auch immer die Glocken geläutet.

Society for the Suppression of Unnecessary Noise
Bei einer Begegnung mit Marcel Prevost in Paris 1906 mokiert sich Julia Barnett Rice über die europäische Mode, „mittels Kirchenglocken die Menschen nachts alle Viertelstunden zu wecken“. Frau Barnett Rice hatte in New York die Society for the Suppression of Unnecessary Noise gegründet. Sie kämpfte erfolgreich gegen das unnötige Hupen der Schiffe auf dem Hudson River (bis 3000mal pro Nacht).

Jahrhundertwende - Kultlose Morgenläuten
1908 wurde in Lausanne ein kultloses Morgenläuten um 4 Uhr mit folgender Begründung abgeschafft: "La majorité de la commission estime que cet usage ne rime plus à rien, et que cette sonnerie est non seulement tout à fait inutile, mais nuisible puisqu'elle trouble le repos de gens laborieux, qui doivent travailler tard dans la soirée, et des malades ou neurasthéniques qui ont le sommeil léger" [10].
Gleichzeitig wurde auch in Zürich eine Lärmklage wegen Kirchenglocken bekannt. In Bilbao haben Bürger gar die Abschaffung des Kirchenglockenläutens gefordert und in London wurde der Glockenlärm zwischen 9 Uhr abends und 9 Uhr morgens verboten.

Insgesamt stellt Hillel und Schwartz in der Arbeit 'Noise and Silence, The Soundscape and Spirituality' fest, dass die Bewegung zur Einschränkung des Kirchenglockenlärms Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts beachtliche Erfolge feiern konnte [11].
Dazu passt die Information des Schweizer Glockenexperten Matthias Walter, wonach in dieser Zeit auch das kultlose Morgenläuten im Kanton Bern abgeschafft worden sei [12], sowie der Artikel 27 des Gesetzes vom 9.12.1905 und der Artikel 50 des Dekretes vom 16.3.1906 aus Frankreich, welche festlegen, dass der Bürgermeister den Glockengebrauch im Interesse der öffentlichen Ordnung reglementieren muss [13].

 

Literaturverweise

1) Joan S. Davis: Lärm eine Kompensation aus Angst. Fachstelle Lärmschutz des Kantons Zürich

2) Niederberger HP, Hirtler C: „Geister, Bann und Herrgottswinkel" Brunner Verlag 2000 

3) Zedler, JH: Grosses vollständiges Universallexikon, 1735 (Neudruck Graz, 1994) * 

4) Deutsche Glocken

5) Wikipedia: Eschweiler Bergbau 


6) Luther Bibel

 

7) Schmidt A. in: Beratungsausschuss für das deutsche Glockenwesen. Karlsruhe 1986 * 

 

8) Steiger Werner, Jaggi Arnold: Geschichte der Schweiz, kantonaler Lehrmittelverlag St. Gallen, 1978, 102-107 

 

9) Heinrich Kramer, Sprenger J: Der Hexenhammer, 1487 (Neuherausgabe von Schmid J.W.R, 1987) * 

 

10) Florence Perret : Les cloches sont à Rome? «Qu’elles y restent!»: 24heures.ch. 15. April 2006 

 

11) Schwartz, Hillel: Noise and Silence: The Soundscape and Spirituality. University of California at San Diego, California, U.S.A. Inter-Religious Federation for World Peace "Realizing the Ideal: The Responsibility of the World's Religions" Section IV, "Religion and the Ideal Environment" Seoul, Korea. August 20-27, 1995 

 

12) Matthias Walter, persönliche Mitteilung 

 

13) Centre d’information et de documentation sur le bruit: Que faire contre les cloches de l’église qui sonnent tous les quarts d’heures 

 
 
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