IG Stiller - www.nachtruhe.info
Das Geläut des Münsters, ein metallisches Dröhnen,
… ein Lärm, dass man seine eigenen Gedanken nicht mehr hört, ein Zittern der Luft,
ein klangloses Beben,
ein Geräusch, wie wenn man von einem zu hohen Sprungbrett ins Wasser gesprungen ist,
es macht mich taub, schwindlig, idiotisch.

Max Frisch im Roman "Stiller"
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Grosse Glocken und Tierschutz  
30. Juli 2019
Quelle: IG Stiller - Diverse Quellen

zu grosse Glocke für Kuh

Bei unserer Aktion gegen grosse Tierglocken und Treicheln haben wir 2015 drei Fälle den Veterinärämtern von St. Gallen und Appenzell vorgelegt. Diese haben die Fälle geprüft und sind zum Schluss gekommen, dass die Verwendung grosser Glocken nicht grundsätzlich gegen das Tierschutzgesetz sei. Einzig wenn es dadurch zu Verletzungen kommt – wie etwa eine Schürfwunde durch den Glockengurt – würde das Tierschutzgesetz übertreten.

Bei dieser Beurteilung wurden die Resultate der ETH-Studien, welche 2015 und 2017 publiziert wurden nicht berücksichtigt. Zudem wurde nach unserer Aktion die Tierschutzverordnung bezüglich Lärmes präzisiert: Lärm gilt neu als übermässig, wenn er beim Tier Flucht-, Meide-, Aggressionsverhalten oder Erstarren hervorruft und sich das Tier der Lärmquelle nicht entziehen kann. Aus diesen Gründen ist eine Neubeurteilung notwendig.

Wir kommen zum Schluss, dass mit der Verwendung grosser Tierglocken und Treicheln die Würde und das Wohlergehen der Tiere beeinträchtigt werden und dass die Tiere damit übermässig instrumentalisiert werden.

1. Würde

Tiere werden ohne Glocken geboren. Wenn sie gezwungen werden Glocken zu tragen, wird ihnen die Würde genommen. Beim Menschen ist es auch so. Nur Narren und Kinder tragen freiwillig im Alltagsleben Glocken um den Hals. Würde ein erwachsener Mann mit einer Glocke um den Hals spazieren gehen, würde er als (würdeloser) Spinner betrachtet.

Treichler werden nicht als würdelos empfunden, weil sie aktiv Krach machen, die Treicheln nicht um den Hals sondern in den Händen tragen und mit dem Lärm ihre Stärke demonstrieren. Sie tragen sie auch nicht längerfristig. Die Kuh mit Glocke hingegen ist dem Lärm hilflos ausgesetzt, sie macht in weder absichtlich noch willentlich sondern muss in einfach ertragen.

2. Wohlergehen

Wenn Kühe Glocken von 5.5 kg tragen müssen, wird die Liegezeit der Tiere um vier Stunden pro Tag vermindert (Johns 2015). Eine verkürzte Liegezeit wurde auch bei einer Studie beobachtet, bei welcher Kühe über 3 Wochen mehrmals täglich 90 dB ausgesetzt wurden (Kovalcik 1971). Auch Karibus, die Fluglärm von Militärflugzeugen ausgesetzt waren, lagen in Reaktion auf eine erhöhte Lärmbelastung weniger (Luick 1992). Lärm scheint also die Liegedauer dieser Tiere grundsätzlich zu verringern. Eine Verkürzung der Liegedauer in Verbindung mit einer Zunahme des Müssigganges gelten als Indikatoren für Kuhbeschwerden (Haley 2000). Zudem wurde in auch nachgewiesen, dass Kühe bei einem Lärm von 85 dB signifikant schneller fliehen als bei 65 dB und dass Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität eine erhöhte sympathische Aktivierung während der Exposition gegenüber 85 dB im Vergleich zu 65 dB zeigen (Johns 2017). Das heisst Lärm stresst.

Da der Lärm grosser Glocken bis über 110 dB betragen kann (Johns 2015) und der Mensch bei lauten Arbeiten schon ab 85 dB einen Gehörschutz tragen muss, kann bei grossen Glocken eindeutig von einem übermässigen Lärm gesprochen werden.

Wenn der Verwendungszweck es zulässt, hat der Besitzer für das Wohlergehen der Tiere zu sorgen. Da auch kleinere oder mittlere Glocken helfen würden, ein entlaufenes Tier wieder zu finden und da bewiesen wurde, dass grosse Glocken das Verhalten der Tiere ändern, kann festgestellt werden, dass es der Verwendungszweck es zulässt auf grosse Glocken zu verzichten. (Damit möchten wir nicht behaupten, dass der ursprüngliche Verwendungszweck der Glocken das Wiederfinden im Nebel ist – wir argumentieren hier damit, weil das aus Bauernkreisen allgemein als Zweck der Glocken genannt wird.)

3. Übermässig instrumentalisiert

Die Kühe mit übergossen Glocken werden offensichtlich für machtpolitische Zwecke missbraucht. Eine Instrumentalisierung liegt vor, weil die Verwendung (grosser) Glocken nicht nötig ist. Dies wird bewiesen durch die Tatsache, dass viele Landwirte ohne Glocken arbeiten und andere mit kleinen oder mittleren Glocken auskommen.

Es geht eben nicht um das Wiederfinden im Nebel sondern um Machtpolitik: Tierglocken sind Ausdruck des Stolzes der Bauern. Beim Thema «Streit um Kuhglocken: Tierschutz oder Quälerei?» reagierte der Vorsitzende des Alpwirtschaftlichen Vereins im Allgäu, Franz Hage, empört auf den Vorstoss der Tierschützer: "Das ist kompletter Schmarrn." Die Glocken und Schellen schadeten den Tieren nicht. Der Stolz der Almhirte komme in ihnen zum Ausdruck. "Das ist Tradition im Allgäu und gehört dazu", sagte Hage (Fritz, 2015).

Nichts macht die übermässige Instrumenta­lisierung der Kühe deutlicher als die Viehschauen, bei welchem die Tiere nicht nur mit grossen Glocken instrumentalisiert werden, sondern auch mit Zitzenklebern malträtiert werden.

4.      4. Tierschutzgesetz und Tierschutzverordnungen

            4.1. Auszug aus dem Tierschutzgesetz

Das Tierschutzgesetz hat den Zweck, die Würde und das Wohlergehen des Tieres zu schützen.

Würde: Eine Belastung liegt vor, wenn dem Tier insbesondere Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden, es in Angst versetzt oder erniedrigt wird, wenn tiefgreifend in sein Erscheinungsbild oder seine Fähigkeiten eingegriffen oder es übermässig instrumentalisiert wird.

Das Wohlergehen der Tiere ist namentlich gegeben, wenn die Haltung und Ernährung so sind, dass ihre Körperfunktionen und ihr Verhalten nicht gestört sind und sie in ihrer Anpassungsfähigkeit nicht überfordert sind sowie Schmerzen, Leiden, Schäden und Angst vermieden werden;

Wer mit Tieren umgeht, hat soweit es der Verwendungszweck zulässt, für ihr Wohlergehen zu sorgen.
 

            4.2. Auszug aus der Tierschutzverordnung

Die Tierschutzverordnung definiert den Schutz vor Lärm: Tiere dürfen nicht über längere Zeit übermässigem Lärm ausgesetzt sein. Nach unserer Aktion gegen grosse Kuhglocken vom Sommer 2015 wurde in der Verordnung präzisiert: «Lärm gilt als übermässig, wenn er beim Tier Flucht-, Meide-, Aggressionsverhalten oder Erstarren hervorruft und sich das Tier der Lärmquelle nicht entziehen kann.» 

5.      5. Quellen

Fritz, A. Streit um Kuhglocken: Tierschutz oder Quälerei? Agrarheute. 25.8.2015 https://www.agrarheute.com/tier/rind/streit-um-kuhglocken-tierschutz-quaelerei-441720?fbclid=IwAR19tQCnjRG8Gq0pY4fNO8lkO7u1xJ7pQKFZ5GQs_0GfOK3r24hczrOdzFQ

Johns J, Patt A, Hillmann E (2015) Do Bells Affect Behaviour and Heart Rate Variability in Grazing Dairy Cows? PLOS ONE 10(6): e0131632. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0131632

Johns J, Masneuf S, Patt A, Hillmann E. Regular Exposure to Cowbells Affects the Behavioral Reactivity to a Noise Stimulus in Dairy Cows. Front Vet Sci. 2017;4:153. Published 2017 Sep 29. https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fvets.2017.00153/full

Kovalcik K, Sottnik J (1971) Effect of noise on the milking efficiency of cows. [Vplyvhluku na mliekovu uzitkovost krav.] Zivocisna Vyroba 16 (10/11): 795–804.

Luick BR, Kitchens JA, White RG, Murphy SM (1996) Modeling energy and reproductive costs in caribou exposed to low flying military jet aircraft. Rangifer 9: 209–211.

Haley DB, Rushen J, de Passille AM (2000) Behavioural indicators of cow comfort: activity and resting behaviour of dairy cows in two types of housing. Can J Anim Sci 80: 257–263.

 
 
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