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Schweizer Bundesgericht, Lausanne
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Grosse Glocken und Tierschutz  
30. Juli 2019
Quelle: IG Stiller - Diverse Quellen

Bei unserer Aktion gegen grosse Tierglocken haben wir 2015 drei Fälle den Veterinärämtern von St. Gallen und Appenzell vorgelegt. Diese haben die Fälle geprüft und sind zum Schluss gekommen, dass die grossen Glocken nicht grundsätzlich gegen das Tierschutzgesetz seien. Einzig wenn es dadurch zu Verletzungen kommt – wie etwa eine Schürfwunde durch den Glockengurt – würde das Tierschutzgesetz übertreten.

zu grosse Glocke für KuhWir müssen wiedersprechen und möchten dies wie folgt formulieren:

Mit der Verwendung grosser Glocken werden die Würde und das Wohlergehen der Tiere beeinträchtigt. Zudem werden die Tiere übermässig instrumentalisiert.

  1. 1. Übermässig instrumentalisiert: Die Kühe werden mit den übergossen Glocken für machtpolitische Zwecke missbraucht (instrumentalisiert).
  2. Eine Instrumentalisierung liegt vor, weil die Verwendung grosser Glocken nicht nötig ist. Dies wird bewiesen durch die Tatsache dass viele Landwirte ohne Glocken arbeiten oder mit kleinen oder mittleren Glocken auskommen.

    2. Wohlergehen: Wenn Kühe mittelgrosse Glocken von 5.5 kg tragedn müssen, wird die Liegzeit der Tiere um bis vier Stunden pro Tag vermindert (Johns 2015). Eine verkürzte Liegezeit wurde auch bei einer Studie beobachtet, bei welcher Kühe über 3 Wochen mehrmals täglich 90 dB ausgesetzt wurden (Kovalcik 1971). Auch Karibus, die Fluglärm von Militärflugzeugen ausgesetzt waren, lagen in Reaktion auf eine erhöhte Lärmbelastung weniger (Luick 1992). Lärm scheint also die Liegedauer dieser Tiere grundsätzlich zu verringern. Eine Verkürzung der Liegedauer in Verbindung mit einer Zunahme des Müssigganges gelten als Indikatoren für Kuhbeschwerden (Haley 2000). Lärm beeeinflusst ausserdem Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität und bewirkt eine erhöhte sympathische Aktivierung (Johns 2017). 

    Wenn der Verwendungszweck es zulässt, hat der Besitzer für das Wohlergehen der Tiere zu sorgen. Da auf der Alp auch kleinere oder mittlere Glocken helfen würden, ein entlaufenes Tier wieder zu finden und da bewiesen wurde, dass grosse Glocken das Verhalten der Tiere ändern, kann festgestellt werden, dass es der Verwendungszweck zulässt auf grosse Glocken zu verzichten und damit das Wohlergehen der Tiere nicht zu beeinträchtigen.

    Da der Lärm grosser Glocken bis über 110 dB getragen kann und der Mensch bei lauten Arbeiten schon ab 85 dB einen Gehörschutz tragen muss, kann bei grossen Glocken eindeutig von einem übermässigen Lärm gesprochen werden. Zudem wurde in auch nachgewiesen, dass Kühe bei einem Lärm von 85 dB signifikant schneller fliehen als bei 65 dB (Johns 2017). Dabei handelt es sich um ein Flucht- oder Meideverhalten.

    Lärmmessungen der 5,5 kg schweren Glocken in Entfernungen von 20 cm bis zu 80 m zeigen, dass die Tiere bis über 110 dB aushalten müssen (Johns 2015). Mit Lärm können Kühe gestresst und von der Futterstelle vertrieben werden, wie kürzlich von der ETH gezeigt wurde: Eine akute Exposition gegenüber einem 85-dB-Reiz verursacht eine erhöhte Erregung und Vermeidung im Vergleich zum 65-dB-Reiz. Das heisst, bei mehr Lärm fliehen die Kühe schneller und werden stärker erregt. Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität zeigen eine erhöhte sympathische Aktivierung während der Exposition gegenüber 85 dB im Vergleich zu 65 dB (Johns 2017).
     

Auszug aus dem Tierschutzgesetz

Das Tierschutzgesetz hat den Zweck, die Würde und das Wohlergehen des Tieres zu schützen.

Würde: Eine Belastung liegt vor, wenn dem Tier insbesondere Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden, es in Angst versetzt oder erniedrigt wird, wenn tief greifend in sein Erscheinungsbild oder seine Fähigkeiten eingegriffen oder es übermässig instrumentalisiert wird.

Das Wohlergehen der Tiere ist namentlich gegeben, wenn die Haltung und Ernährung so sind, dass ihre Körperfunktionen und ihr Verhalten nicht gestört sind und sie in ihrer Anpassungsfähigkeit nicht überfordert sind sowie Schmerzen, Leiden, Schäden und Angst vermieden werden;

Wer mit Tieren umgeht, hat soweit es der Verwendungszweck zulässt, für ihr Wohlergehen zu sorgen.
 

Auszug aus der Tierschutzverordnung

Die Tierschutzverordnung definiert den Schutz vor Lärm: Tiere dürfen nicht über längere Zeit übermässigem Lärm ausgesetzt sein. Nach unserer Aktion gegen grosse Kuhglocken vom Sommer 2015 wurde in der Verordnung noch präzisiert: «Lärm gilt als übermässig, wenn er beim Tier Flucht-, Meide-, Aggressionsverhalten oder Erstarren hervorruft und sich das Tier der Lärmquelle nicht entziehen kann.»

 

Quellen

Literatur

Johns J, Patt A, Hillmann E (2015) Do Bells Affect Behaviour and Heart Rate Variability in Grazing Dairy Cows? PLOS ONE 10(6): e0131632. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0131632

Johns J, Masneuf S, Patt A, Hillmann E. Regular Exposure to Cowbells Affects the Behavioral Reactivity to a Noise Stimulus in Dairy Cows. Front Vet Sci. 2017;4:153. Published 2017 Sep 29. https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fvets.2017.00153/full

Kovalcik K, Sottnik J (1971) Effect of noise on the milking efficiency of cows. [Vplyvhluku na mliekovu uzitkovost krav.] Zivocisna Vyroba 16 (10/11): 795–804.

Luick BR, Kitchens JA, White RG, Murphy SM (1996) Modeling energy and reproductive costs in caribou exposed to low flying military jet aircraft. Rangifer 9: 209–211.

Haley DB, Rushen J, de Passille AM (2000) Behavioural indicators of cow comfort: activity and resting behaviour of dairy cows in two types of housing. Can J Anim Sci 80: 257–263.

 
 
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