IG Stiller - www.nachtruhe.info
"Die Schlafzyklen richten sich nicht nach der Uhrzeit, sondern nach der Einschlafzeit und dem inneren Rhythmus.
Somit werden im Laufe einer Nacht sicher alle Schlafstadien in ähnlichem Ausmass durch das Glockengeläut gestört."

Dr. med. Wolfgang Randelshofer

Sind Sie im Lärmschutz tätig?

Hier könnte Ihre Werbung stehen!

Kontaktieren Sie uns

Himmlische Einladung  
11. Oktober 2005
Quelle: Tages-Anzeiger (von Thomas Knellwolf)

In Trogen, der Appenzeller Mischung aus Bauernnest und Stein gewordener Grossbürgerlichkeit, tobt seit Jahren ein heftiger Streit. Es geht um die Frage, ob die Kirchenglocken auch nachts läuten sollen (TA vom 7. März 2005).
Oder - etwas abstrakter formuliert - darum, ob Schiller oder Goethe Recht hatten.
Schiller war nämlich Glocken-Fan, während Glocken-Feind Goethe im «Faust» über «das verfluchte Bim-Bam-Bimmel» dichtete: «Jedem edlen Ohr kommt das Geklingel widrig vor(Auch uns kommt es widrig vor!)

Zugegeben: In der helvetischen Realität bewegt sich die Diskussion, ob der heilige Bimbam schöne Tradition oder unnötiger Lärm sei, in den seltensten Fällen auf literarischem Niveau. Im Fall Trogen lohnt sich das Hinschauen beziehungsweise Hinhören gleichwohl. Denn hier trug sich Besonderes zu: Nach einem Sommergewitter kehrte plötzlich unerwartet Ruhe ein - nicht nur zwischen den Streithähnen, sondern im ganzen Dorf.

Die Deutungen des Naturereignisses vom 18. Juli 2005 gehen weit auseinander.
Für die einen war es «ein ganz normaler Blitz, der rein zufällig den Kirchturm traf», für die anderen, vorab für Gegner des Glockenschlags, «ein Zeichen von oben». (Ganz klar, "ein Zeichen von oben"...!)
Auf jeden Fall liess die himmlische Entladung die Kirche am Landsgemeindeplatz für drei Tage und drei Nächte verstummen.

Acht Wochen Hoffnung . . .

Danach intonierte die Läutanlage, erst halb repariert, ein paar Tage lang lustige Schlagvarianten, ehe sie ihren Takt halbwegs wieder fand. Ausgerechnet das jüngste der fünf Gusserzeugnisse im Trogener Kirchenturm verweigerte allerdings weiterhin seinen Dienst - nämlich die besonders laute Landsgemeindeglocke, Jahrgang 1958, um die sich der Streit im Dorf im Wesentlichen dreht. Ungeachtet des laufenden Verfahrens vor Verwaltungsgericht, welches das Aus für die fünf Tonnen schwere Glocke bedeuten könnte, willigte der Gemeinderat in eine teure Flickaktion ein.

Nach zwei Monaten nahm die Landsgemeindeglocke ihren Dienst wieder auf. Doch, oh Gott, ihre Schläge hinkten hinterher. Zwischen Normal- und Doppelschlag erfolgte jedes Mal eine überlange Pause. Dies rief wiederum die Glockenlärmgegner auf den Plan, die sich für acht Wochen bereits im dezibelarmen Paradies auf Erden gewähnt hatten. In einem Brief an den Gemeinderat monierten sie, dass der Zeitschlag - auf Grund der verlängerten Pause - jetzt noch länger dauere als früher.

Doch die Gemeinde hatte kein Musikgehör für die Klage. Gemeinderatsschreiberin Annelies Rutz, die nur einen Steinwurf von der Kirche entfernt arbeitet, liess verlauten, sie könne aus ihrem Büro keinen Unterschied zu früher hören. Nichtsdestotrotz kündeten die Trogener Behörden an, sie liessen die kirchliche Rhythmik nochmals durch einen Experten prüfen.

Am vergangenen Wochenende nahm die Geschichte eine neue Wendung. Die Landsgemeindeglocke streikte erneut. Gestern Mittag nahm sie aber hinkend ihren Dienst wieder auf. So endet diese Runde im Streit mit einem Punkt für Schiller. Des Dichters Wort ins Trogener Ohr: «Begleite sie mit ihrem Schwunge des Lebens wechselvolles Spiel. Und wie der Klang im Ohr vergehet, der mächtig tönend ihr erschallt, so lehre sie, dass nichts bestehet, dass alles Irdische verhallt.»

 
 
Realisierung: RightSight.ch