IG Stiller - www.nachtruhe.info
Das Geläut des Münsters, ein metallisches Dröhnen,
… ein Lärm, dass man seine eigenen Gedanken nicht mehr hört, ein Zittern der Luft,
ein klangloses Beben,
ein Geräusch, wie wenn man von einem zu hohen Sprungbrett ins Wasser gesprungen ist,
es macht mich taub, schwindlig, idiotisch.

Max Frisch im Roman "Stiller"
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IG Stiller - Pressemitteilung Herdengeläut  
24. August 2005

Zusammenfassung

Der Schweizerische Bauernverband behauptet, die Grundidee der Kuhglocken sei, dass die Tiere auf den Weiden auch bei Nacht und Nebel gefunden werden können. Dies ist falsch, wie unsere Recherchen zeigen. Die Grundidee ist der Schutz vor Zauber und Unheil.
Es gibt keinen rationalen Grund für Tierglocken.

Im Weiteren behauptet der Bauern­verband, dass das Wohlbefinden der Tiere nicht unter den Glocken leide. Der gesunde Menschenverstand weist in die andere Richtung:
Kein Mensch trägt freiwillig Tag und Nacht eine Glocke.
Überhaupt trifft man sehr wenig Menschen, welche auch nur kurzfristig eine Glocke tragen.

 

Weshalb tragen Kühe eigentlich Glocken?

Der Schweizerische Bauernverband hat endlich zur Frage: „Weshalb tragen Kühe eigentlich Glocken?“ Stellung genommen. In den Luzerner Nachrichten vom 13.8.05 stellt Herr Mathias Singer, Stab/Kommunikation, fest, die Grundidee von Kuhglocken sei, dass die Tiere auf den Weiden auch bei Nacht und Nebel gefunden werden können [1].

Wie eine Recherche in der Bibel zeigt, kann dies nicht die Grundidee der Tierglocken sein. Schellen waren ursprünglich Kult- resp. Musik- und Tanzinstrumente [2]. Schon zu biblischen resp. römischen Zeiten wurden Tiere mit Schellen geschmückt. Dabei ist es um eine Art Lobpreisung Gottes [3], um Zauberschutz [4] oder Schutz vor Unheil gegangen. Letzteres ist auch heute noch der stärkste und ursprünglichste Grund für die Bauern, den Tieren Schellen anzuhängen [5].

Herdengeläut ist also nicht rational. Es gibt im Siedlungsgebiet keinen Grund, dem Vieh beim Weiden Glocken umzuhängen. Dies wurde vom Bundesgericht 1975 bestätigt, welches damals insbesondere auch festgestellt hat, dass die Einhaltung der Nachtruhe im Siedlungsgebiet auch für Tierglocken gilt [6].

Hätte Herr Singer Recht, so wären Kuhglocken nichts anderes als ein veraltetes Alarmsystem,
bei welchem die „Sirene“ immer am „Heulen“ ist obwohl gar keine Kuh ausgebrochen ist.
Es ist ja auch gar nicht sicher, ob eine Kuh davon gelaufen ist, wenn die Glocken schweigen - wahrscheinlicher ist, dass alle miteinander ruhen. Viele Herden mit Glocken sind so weit weg vom Bauernhof, dass der Bauer sowieso nichts von diesen Herden hört.
Was ist, wenn der Bauer schläft oder wenn er Traktor fährt? Wer hört dann die Glocken?
Andere Herdentiere müssen ihre Glocken auch im Stall tragen, wo ein Ausbruch nicht möglich ist.
Dass Herdengeläut nicht nötig ist, beweisen auch alle jene Tierhalter auf dieser Erde, welche ohne Glocken und Schellen auskommen. Beruft sich der Bauernverband auf die falsche, pseudorationale Begründung für Tierglocken, um nicht für einen Aberglauben einstehen zu müssen?

 

Tierschutz

Ob drinnen oder draussen: Vielfach müssen Tiere Tag und Nacht, Sommer und Winter, ein ganzes Leben lang eine Glocke tragen. Aspekte des Tierschutzes wurden in diesem Zusammenhang noch kaum diskutiert. Vorbeugend lässt der Bauernverband nun verkünden, dass das Wohlbefinden der Tiere nicht unter den Glocken leide. Der gesunde Menschen­verstand weist in die andere Richtung:
Kein Mensch trägt freiwillig Tag und Nacht eine Glocke. Überhaupt trifft man sehr wenig Menschen, welche auch nur kurzfristig eine Glocke tragen. Über Grösse, Schwere und Lautstärke der Glocken verliert der Bauernverband übrigens kein Wort. Diese sind aber ausschlaggebend für die Verträglichkeit.

Subventions­bedingt ist es in der Schweiz speziell in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer dramatischen Vermehrung der Tierglocken gekommen. Damit einhergehend kam es zu einem lieb- und masslosen Einsatz. Da aber Menschen vielfach den Begriff Heimat mit Glocken gleichsetzen, haben sich bisher die Tierschutzorganisationen kaum mit dem Problem beschäftigt. Das wird sich ändern, wie der Leserbrief von Herrn Sanders in der Neuen Luzerner Zeitung vom 18.08.05 zeigt [7].
Zu Recht fürchtet er, dass Glocken zu Gehörschäden führen können und der Tierschutzbund Innerschweiz will die Sache jetzt untersuchen lassen.
Für uns von der IG Stiller ist klar: Glockenlärm ist gesundheitsschädigend.

Wären gewisse Glockenträger der SUVA unterstellt, müssten sie einen Gehörschutz tragen.

 

Menschenschutz

Doch was passiert wenn ein Anwohner oder Tourist, welcher durch den Glockenlärm gestört wird, den Bauern bittet, die Glocken abzuhängen? Ausnahmen sind die folgenden Beispiele leider nicht: 1: Der Bauer hängt noch mehr Glocken an die Tiere. 2: Der weit weg wohnende Bauer stellt Bedingungen: „Dann tränken Sie aber die Kälber.“ 3: Der Bauer sagt: „Wenn es Ihnen nicht passt, dann ziehen sie halt fort.“

Wie sagte doch Herr Blocher anlässlich der OLMA Rede 2004:
„Lasst endlich die Bauern in Ruhe – und lasst endlich die Kühe in Ruhe.“

Wir von der IG Stiller unterstützen diesen Aufruf und ergänzen: „Ruhe für alle“.

 

IG Stiller Pressestelle
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[1] http://www.zisch.ch/FORUM/ratgeber/tiere

[2] 2.Mose 28,33 : 28,33 Und unten an seinem Saum sollst du Granatäpfel machen aus blauem und rotem Purpur und Scharlach ringsherum und zwischen sie goldene Schellen auch ringsherum, 28,34... 2.Mose 39,25 : 39,25 und machten Schellen aus feinem Golde; die taten sie zwischen die Granatäpfel ringsherum am Saum des Obergewandes, je einen Granatapfel und eine Schelle... 2.Sam 6,5 : 6,5 tanzten David und ganz Israel vor dem HERRN her mit aller Macht im Reigen, mit Liedern, mit Harfen und Psaltern und Pauken und Schellen und Zimbeln.

[3] Sach 14,20 : 14,20 Zu der Zeit wird auf den Schellen der Rosse stehen (a) «Heilig dem HERRN».

[4] Niederberger, Hans­peter et Hirtler Christof: Geister, Bann und Herrgotts­winkel. Brunner Verlag 2000, S. 204:
„Seit der Antike galt Lärm als Mittel, um geisterhafte Wesen und Dämonen abzuwehren. Die bekanntesten Lärmumzüge finden von anfangs Dezember bis zur Fasnacht statt. Als Lärminstrument werden Pfeifen, Glocken, Peitschen, Kuhhörner, Tritonshörner, Rätschen, Trommeln und vieles mehr gebraucht. Soweit der Schall drang, waren Dämonen und Hexen machtlos.
Das wichtigste Lärminstrument war die Glocke. Sie war ursprünglich ein Kultobjekt und diente der Dämonenabwehr. Man fand Glocken als Beigabe in römischen Gräbern. Sie sollten die Toten vor dem Unfug der Geister schützen. Glöckchenamulette wurden später kleinen Kindern und Tieren zum Schutz gegen Behexung umgehängt.

[5] Weiss, Richard: Das Alpwesen Graubündens. Zitiert nach Appenzeller Zeitung vom 24.8.05 („Plümpa“: Die Magie der Glocken von Brigitte Schmid-Gugler)

[6] Bundesgericht: 101 II 248. 41. Auszug aus dem Urteil der II. Zivilabteilung vom 29. Mai 1975 i.S. B. gegen Z.
Siehe: www.nachtruhe.info/kuhglocken.htm

[7] Leserbrief von Herrn Sanders in den Neuen Luzerner Zeitung vom 18. August 2005 (siehe www.nachtuhe.info)
 
 
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