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IG Stiller beantragt vom Bundesamt für Umwelt eine wissenschaftliche Studie zum Glockenlärm  
20. August 2006
Quelle: Brief an Bundesamt für Umwelt

Glockenlärm: Antrag auf wissenschaftliche Untersuchung

Sehr geehrter Herr Poffet

Wir beziehen uns auf Ihr Schreiben vom 7.6.06.

Bezüglich des kultischen Läutens ist die Diskussion für uns abgeschlossen. Der Aussage in Ihrem Brief vom 15.2.06 („…eine Möglichkeit zur Konfliktbewältigung ist eine Beschränkung der Lautstärke und der Geläutedauer…“) können wir uns anschliessen.

Offen bleibt die Frage der Beurteilung des nächtlichen Kirchenglockenlärms. Ihr Brief vom 7.6.06 bestätigt, dass Ihnen keine wissenschaftlichen Grundlagen dazu vorliegen resp. dass der Wert von 60 dB von Studien mit Fluglärm abgeleitet wurde.

Erstens ist dieser Wert auch für Fluglärm zu hoch und zweitens ist Glockenlärm nicht dasselbe wie Fluglärm.
Während der Lärm eines Flugzeuges langsam anschwillt, schwillt der Lärm bei einer Glocke ähnlich wie bei einem Wecker sofort steil an. Da für eine Aufwachreaktion weniger der absolute Wert sondern vielmehr die Differenz pro Zeiteinheit wichtig ist, darf Fluglärm unter keinen Umständen mit Glockenlärm verglichen werden.


Zudem, wenn jede Viertelstunde ein impulsartiges Geräusch ertönt, stört dies schon beim Einschlafen und es beeinflusst alle Stadien des Schlafes: „Die Schlafzyklen richten sich nicht nach der Uhrzeit, sondern nach der Einschlafzeit und dem inneren Rhythmus. Somit werden im Laufe einer Nacht sicher alle Schlafstadien in ähnlichem Ausmass durch das Glockengeläut gestört.“ (Dr. med. Wolfgang Randelshofer; Fachklinik und Ambulanz für Schlafmedizin, 79189 Bad Krozingen).

Dies wurde bisher überhaupt nicht berücksichtigt. Auch nicht berücksichtigt wurde, dass es für Fluglärm eine (wenn auch zu kurze) Zeit der Nachtruhe gibt – nicht aber für Kirchenglocken. Bei 37 Ereignissen pro Nacht kann definitiv nicht mehr von „selten“ gesprochen werden!

Die unterdessen etwa 30 Fälle von Glockenlärmklagen in der Zentral- und Ostschweiz und die unprofessionellen Reaktionen der meisten der betroffenen lokalen Behörden zeigen, dass diese überfordert sind. Dies betrifft vor allem die Interpretation der Lärmschutzverordnung, in welcher das Wort Tradition nicht vorkommt! Trotzdem wird immer wieder damit argumentiert.

Wir interpretieren die Lärmschutzverordnung (wonach der Charakter des Lärms, Zeitpunkt und Häufigkeit des Auftretens sowie die Lärmvorbelastung zu berücksichtigen ist. Entscheidend ist dabei, dass nicht auf das subjektive Lärmempfinden Einzelner abzustellen, sondern eine objektive Betrachtung unter Berücksichtigung von Personen mit erhöhter Empfindlichkeit vorzunehmen ist) im Zusammenhang mit Glockenlärm wie folgt:

• Charakter: schnell ansteigend, hart und hässlich (Metall auf Metall), an die Zeit erinnernd
• Zeitpunkt: während der gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten
• Häufigkeit: viel zu häufig, nämlich 37-mal pro Nacht (22-7 Uhr)
• Lärmvorbelastung: gering (Flugzeuge und Lastverkehr haben Nachtruhe)
• subjektive Lärmempfinden Einzelner: wenn mindestens 10 % der Bevölkerung durch Kirchenglockenlärm gestört werden, also mehr als 700'000 Einwohner der Schweiz, sind das eindeutig mehr als „Einzelne“
• objektive Betrachtung: Lärmmessung und graphische Darstellung der Werte über die Nachtruhezeit
• Personen mit erhöhter Empfindlichkeit: die mindestens 10 % der Bevölkerung, welche sich vom Kirchenglockenlärm belästigt fühlen. (Auch Personen mit normaler Empfindlichkeit wollen Nachtruhe!)

Was das von Ihnen zitierte Bundesgerichtsurteil vom Jahr 2005 (Gossau ZH) betrifft: Dieser Fall wäre schon auf lokaler Ebene anders beurteilt worden, wenn nicht die ominösen 60 dB bekannt gewesen wären. Ihrem Amt (und dem schon an anderer Stelle kritisierten damaligen EMPA Gutachten) haben wir dieses für uns unverständliche Urteil zu verdanken. Früher hat das Bundesgericht bei Klagen wegen nächtlichem Glockenlärm übrigens auch schon ganz anders beurteilt [101 II 248 (1975)] – ganze ohne diese leidigen dB-Diskussionen.

Wir würden uns nicht anmassen, Ihnen in der Frage des „Grenzwertes“ zu widersprechen, wenn nicht auch die kompetente Umweltschutzbehörde des Kantons Zürich Ihrer Sicht der Dinge widersprechen würde und wenn uns nicht auch von ärztlicher Seite bestätigt würde, dass die 60 dB zu viel sind. Wir werden uns deshalb weiter dafür einsetzen, dass während der Nachtruhezeit vollständig (!) auf Glockenlärm verzichtet wird.

Da die wissenschaftliche Beurteilung nächtlichen Glockenlärms durch Ihr Amt und die zürcherischen Lärmschutzstelle (und der IG Stiller) weit auseinander liegen, fordern wir eine klärende Untersuchung oder eine Expertise zur Lösung des Problems.

Wir beantragen hiermit, dass Ihr Amt eine wissenschaftliche Untersuchung oder eine Expertise zum Thema nächtlicher Kirchenglockenlärm in Auftrag gibt. Diese Arbeit könnte den Titel tragen: „Einfluss des nächtlichen Zeitschlages und der kultlosen Morgenläuten auf die Einschlafzeit, die Schlafqualität und die Schlafdauer“.

Mit stillen Grüssen
IG Stiller, Vorstand

 
 
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