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"Jedem edlen Ohr Kommt das Geklingel widrig vor.
Und das verfluchte Bim-Bam-Bimmel,
Umnebelnd heiteren Abendhimmel,
Mischt sich in jegliches Begebnis,
Vom ersten Bad bis zum Begräbnis,
Als wäre zwischen Bim und Baum
Das Leben ein verschollner Traum."

Johann Wolfgang Goethe (in Faust)
Johann Wolfgang Goethe (in Faust)

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Dr. Joachim Kahl: Glockenläuten hat jede nützliche Funktion eingebüsst  
28. Juli 2009
Quelle: Kahl-marburg.de

Inhalt und Grenzen von Religionsfreiheit – erörtert an Kopftuch, Muezzinruf, Kirchenglockenläuten.
(von Dr. Dr. Joachim Kahl aus Marburg)

...Anders als das Kopftuch, das einen stillen optischen Akzent setzt und insofern niemanden belästigt, sind das kirchliche Glockenläuten und der muslimische Muezzinruf, meist lautsprechergestützt, zu bewerten. Gewolltermaßen greifen sie erheblich in das Leben vielen Menschen ein, indem sie unüberhörbar zum Gottesdienst und zum Gebet rufen. Soweit ihre Schallwellen reichen, errichten sie eine Art sakraler Lufthoheit, der niemand ausweichen kann, ausweichen können soll. Damit verletzen sie die negative Religionsfreiheit aller Andersgläubigen und Nichtgläubigen.

Nicht nur dies: sie verletzen das Recht auf gesunden und ungestörten Schlaf zu selbstbestimmten Zeiten. Jeder Anwohner, jeder Tourist, der in der Nähe einer Kirche oder einer Moschee übernachtet hat, weiß davon ein Lied zu singen: ein garstig Lied. Denn die religiösen Institutionen mitsamt ihren menschlichen Repräsentanten reagieren hier nicht selten ausgesprochen verständnislos, rücksichtslos, lieblos. Das von ihnen emphatisch verkündete Gebot der Nächstenliebe, hier erweist es sich, wie so oft, als fromme Rhetorik.

Auch die Gerichte, die immer häufiger angerufen werden, stellen sich gerne taub. Wie lange noch? Denn bei einiger Nüchternheit lässt sich folgender simpler Sachverhalt feststellen. Die Pflicht zum fünfmaligen Gebet pro Tag ist jedem Muslim, jeder Muslima von Kindesbeinen an als Allahs Gebot vertraut. Wozu bedarf es noch einer lautstarken Erinnerung, die auch alle Nichtmuslime in Mitleidenschaft zieht? Weshalb müssen beim Morgengebet – noch vor Sonnenaufgang! – alle anderen Menschen unbarmherzig aus ihrem Schlaf gerissen werden?
Das Recht der einen, ungestört und ungehindert zu beten, in allen Ehren. Aber es findet seine Grenze am Recht der anderen, ebenso ungestört und ungehindert nicht zu beten und (beispielsweise) zu schlafen. Positive und negative Religionsfreiheit greifen hier problemlos ineinander. Wenn die muslimische Geistlichkeit nicht auf ihre Erinnerungsarbeit verzichten will, bitte sehr. Modernste Technik macht es möglich. Es müssen ja nicht notwendig antiquierte, dröhnende Lautsprecher sein.

Der Gebetsruf kann ebenso gut aufs Mobiltelefon oder per Funksignal in die Wohnung der Muslime geschickt werden. Oder er wird, wie in Paris, über einen örtlichen Rundfunksender empfangen, auf dem sich der Muezzin fünfmal am Tag meldet. Zur Religionsfreiheit gehören ohne Zweifel das Recht auf Mission und das Recht, auf eigene Veranstaltungen gottesdienstlicher oder nicht gottesdienstlicher Art hinzuweisen. Keinerlei Einwand. Aber bitte nur im Rahmen der für alle geltenden Gesetze und Regeln eines friedlichen Zusammenlebens ohne extravagante Sonderrechte! Der Beginn kirchlicher Veranstaltungen wird – meist sogar kostenlos – in allen Zeitungen, in eigenen Publikationsorganen und auf Anschlagtafeln bekannt gegeben. Keiner anderen Organisation ist es gestattet, ihre Veranstaltungen mit weithin hörbaren akustischen Signalen einzuleiten und zu beenden. Fabriksirenen, die einst Arbeitsbeginn, Arbeitsende und Schichtwechsel ankündigten, sind seit Jahrzehnten verstummt.

Das Glockenläuten gehört zu den vordemokratischen Privilegien der Kirchen, die in einer säkularen Gesellschaft ihre Legitimation verloren haben. Anfänglich verfemt, weil vorchristlich-heidnischen Ursprungs, diente es später als lautstarkes Mittel zur Abwehr böser Geister, die angeblich – Tag und Nacht – in der Luft herumschwirrten (natürlich unsichtbar). An diesem Teufelsspuk sollte ein akustischer Exorzismus vollzogen werden, auf dass die Gläubigen nicht zum Abfall von Gott verführt würden. Zusätzlich half das Glokkenläuten, den landwirtschaftlich geprägten Arbeitsalltag zeitlich zu untergliedern.

In der Gegenwart, wo eine Armbanduhr zur persönlichen Grundausstattung zählt, hat das Glockenläuten jede nützliche Funktion eingebüßt. Ebenso ist das laute Schlagen von Turmuhren in einem paradoxen Sinn anachronistisch geworden: zeitwidrig.
In einer von Lärm überfluteten Welt, die eigens strafbewehrte „Lärmschutzverordnungen“ hervorgebracht hat, ist jede vermeidbare Geräuschimmission zu vermeiden. Frei gewählte Ruhe- und Schlafmöglichkeiten gehören zu den unverzichtbaren Bestandteilen von Gesundheit und Lebensqualität.

Im Sinne des Toleranzgebotes und des Verhältnismäßigkeitsprinzips wird man sich in diesem Zusammenhang allerdings auch auf Ausnahmeregelungen zu hohen kirchlichen und muslimischen Feiertagen verständigen können und müssen. Abschließend gesagt: aus atheistischer Sicht sind der muslimische Muezzinruf und das christliche Glockenläuten „viel Lärm um nichts“, um es mit dem Titel einer Shakespeare-Komödie zu formulieren. Insofern die Schallwellen auch jene einholen, die sich ihnen ausdrücklich entziehen wollen, handelt es sich um einen ärgerlichen Rest gewaltsamer Missionstätigkeit, die wenigstens von aufgeklärten Gläubigen nicht gut geheißen werden sollte...

Dr. Dr. Joachim Kahl
(Aus dem Vortrag vor der Thomas-Dehler-Stiftung am 17.April 2004 in Nürnberg.)

Joachim Kahl ist atheistischer Philosoph. Er ist Autor des Buches "Weltlicher Humanismus. Eine Philosophie für unsere Zeit", vierte Auflage 2009.

 
 
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