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"Ueberhaupt wird man finden, jemehr ein Volk Vergnügen an Schellen oder auch Glöckchen findet, die ohne Ordnung durcheinander klingen, desto roher, kindischer oder barbarischer ist es."

Georg Christoph Lichtenberg
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Kirchengeläut in Herrgottsfrühe  
5. Dezember 2008
Quelle: St. Galler Tagblatt

ST.GALLEN. Um 0.45 Uhr schlägt's im Riethüsli zur Geisterstunde: Zweimal haben die Glocken der evangelischen Kirche zu dieser Zeit zu läuten begonnen. Messmer und Pfarrer stehen vor einem Rätsel – und hoffen, dass der Spuk bald vorbei ist.

von Ralf Streule

«Es tut uns leid!» steht unter der Rubrik «Quartiernews» in der neusten Ausgabe der «Quartier-Zitig Riethüsli». Absender der entschuldigenden Worte ist Virginio Robino, Pfarrer der evangelischen Kirche Riethüsli-Hofstetten. Zwei Mal habe Glockengeläut die Quartierbewohner aus dem Schlaf geschreckt. «Wir sind etwas verzweifelt über diesen Vorgang», schreibt der Pfarrer weiter. Und: Es müsse mit einem «Programmierungsfehler unseres Läutcomputers» zu tun haben.

Mitten in der Nacht, beide Male um exakt 00.45 Uhr, hätten die drei Glocken zu läuten begonnen, sagt der Pfarrer auf Anfrage. In Zeiten, in denen die IG Stiller gegen den traditionellen nächtlichen Stundenschlag der Kirchen protestiert und diesen als Nachtruhestörung bezeichnet, mutet das nächtliche Gebimmel an wie ein göttlicher Schabernack.

13 Minuten am 31. des Monats

Es sei ein grosses Rätsel, sagt Werner Widmer, Messmer der Kirche Riethüsli-Hofstetten. «Und nichts zum Lachen.» Beide Male habe die Glocke in der Nacht von einem 30. auf den 31. des Monats zu läuten begonnen – dies jeweils für genau 13 Minuten.

Das erste Mal läutete es Ende Juli, dann Ende Oktober. Obwohl das Geläut zwei Mal auf einen 31. fiel: Einer einleuchtenden mathematischen Logik folge das Gebimmel wohl nicht, sagt Widmer. «Am 31. August hat es nämlich nicht geläutet.»

Streich oder Programmfehler?

Anfänglich hielt der Messmer das Geläut für einen dummen Jungenstreich. Er habe sich damals überlegt, wer alles dafür in Frage kommen würde – und wer alles Zugang zur Glockensteuerung habe. Diese ist in einem Schrank in der Kirche installiert.

Nach einer Besprechung mit der verantwortlichen Firma für Kirchturmtechnik – die Muff AG aus dem luzernischen Triengen – habe sich aber herausgestellt, dass es sich um eine Fehlprogrammierung handle. Wo genau der Fehler jedoch liege, sei aber bis heute nicht ganz klar. Nach dem ersten Malheur von Ende Juli habe er auf Geheiss der Firma die Diskette neu eingelesen. Nachdem die Glocke ein zweites Mal in der Nacht geläutet habe, habe ihm die Firma Muff eine neue Diskette zugesandt. Mit dieser soll nun alles reibungslos funktionieren.

Messmer Widmer scheint der Sache aber noch nicht so richtig zu trauen. Am 31. Dezember werde er auf jeden Fall um Punkt 00.45 Uhr in der Kirche stehen, um ein allfälliges Geläut abstellen zu können.

Lautere Glocken erwünscht

Bei der Nachbarschaft scheint man das Glockengeläut mit Humor zu nehmen. Wütende Anrufe habe es auf jeden Fall nicht gegeben, sagt Pfarrer Robino. Man habe im Quartier eher spöttisch als verärgert auf das Geläut reagiert, sagt auch Gisela Bertoldo, Vizepräsidentin des Quartiervereins Riethüsli. Einige Anwohner hätten es sogar bedauert, dass sie die nächtliche Aktion nicht mitbekommen hätten. «Diese wünschen sich nun sogar lautere Glocken.»

 
 
Realisierung: RightSight.ch