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"...Das Bundesgericht betont die Notwendigkeit einer ungestörten Nachtruhe, weil tagsüber die Nervenkräfte des heutigen Menschen stark beansprucht werden.
Es weist darauf hin dass das Bimmeln von Kuhglocken zur Nachtzeit, d.h. vor allem dann, wenn der Strassenlärm abgenommen hat, besonders lästig ist..."

Bundesgericht, Lausanne
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Kirchenglocken: Lärm oder Brauch?  
17. Juni 2005
Quelle: Tages-Anzeiger (von Roger Keller)

Das Verwaltungsgericht hat eine Lärmbeschwerde aus Gossau abgewiesen. Einer der Gründe:
Der Zeitschlag mitten in der Nacht sei ein alter Brauch. Nun geht der Fall nach Lausanne.

Gossau. - Das Kirchengeläut in aller Herrgottsfrühe hat schon viele Anwohner aus dem Schlaf geholt.
Und manchen Juristen schöne Aufträge beschert. Erst recht, seit das Bundesgericht in Streitfällen aus Bubikon und Thal SG entschieden hat, dass das Frühgeläut als Lärm gilt und das Umweltschutzgesetz massgebend ist.

Der Fall aus Gossau dreht sich nun aber nicht um das Läuten zu Gottesdiensten oder anderen kultischen Anlässen, die einen gewissen Schutz durch die Bundesverfassung geniessen. Das Thema sind vielmehr der Viertelstunden- und der Stundenschlag während der Nachtruhe von 22 bis 6 Uhr.
Hans Müller (Name geändert) und seine Familie vermissen diese Nachtruhe, seit sie 200 Meter von der Gossauer Kirche entfernt eine Eigentumswohnung gekauft haben. Und, so ihre Darstellung, seit die Kirche, nach einem Sommersturm arg beschädigt, repariert wurde. Seither sei der Glockenschlag lauter.

Das Geläut und der Glockenschlag seien derart laut, dass Telefongespräche unterbrochen und erst alle Fenster geschlossen werden müssen, klagt Müller. Bei offenem, aber auch bei gekipptem Fenster erwache man nachts immer wieder wegen des Zeitschlags. Seiner Ansicht nach ist diese Verkündung längst nicht mehr nötig, da Uhren heute in allen Haushalten verbreitet seien. Und wenn etwas unnötig, aber störend sei, müsse es laut Umweltschutzgesetzgebung saniert oder entfernt werden.

Damit drang Müller bisher nirgends durch. Der Gemeinderat Gossau lehnte es ab, die Kirchenpflege auf eine Einhaltung der Nachtruhe im Sinne von Müller zu verpflichten. Er hob den «Wohlklang» der Glocken und die «hiesigen Sitten und Gebräuche» hervor. Im Übrigen habe sonst noch niemand reklamiert, auch von näher gelegenen Wohnungen nicht. Der Gemeinderat setzte sich mit dieser Haltung bei der Baurekurskommission durch.

Das Verwaltungsgericht gab ein eigenes Lärmgutachten bei der Empa in Auftrag, wies das Begehren von Müller nun aber ebenfalls ab. Der Gutachter hatte für den Glockenschlag einen Lärmpegel von 54 bis 69 Dezibel ermittelt und attestiert, das Gespräch auf dem Balkon und bei offenen Fenstern auch in der Wohnung werde «erheblich gestört». Selbst wenn das Fenster nachts nur spaltweise geöffnet bleibe, sei mit Aufweckreaktionen zu rechnen, wenn auch in geringer Wahrscheinlichkeit.

Ähnlich wie beim Fluglärm

In seiner Interpretation des Gutachtens kam das Verwaltungsgericht zum Schluss, der Glockenschlag sei keine «erhebliche» Störung im Sinne des Umweltschutzgesetzes. Denn die Wohnung von Müller liege in einer Wohnzone mit Gewerbeerleichterung und in der Empfindlichkeitsstufe III.
Deshalb sei der Bevölkerung, ähnlich wie beim Fluglärm, «ein gewisses Mass an Beeinträchtigung zuzumuten». Geringfügige Störungen seien hinzunehmen, da zum Beispiel auch mit Lärm von Gaststätten oder Unterhaltungslokalen zu rechnen sei.

Zudem sei der Glockenschlag, so das Gericht weiter, ein Geräusch, das von den meisten Menschen «grundsätzlich positiv bewertet» werde. Der Zeitschlag sei «ein jahrhundertealter Brauch», der bei einem erheblichen Teil der Bevölkerung «auch heute noch fest verankert oder zumindest akzeptiert» sei. Deshalb sei es Müller auch zuzumuten, die Fenster nachts teilweise geschlossen zu halten. Dasselbe gelte auch für das Kirchengeläut ausserhalb der Nachtruhe, das in Gossau fast nur zu kultischen Zwecken ertöne und somit als «Teil des kulturellen Erbes» zu akzeptieren sei.

Müller ist mit dieser Argumentation des Verwaltungsgerichts nicht zufrieden: Er zieht den Fall an das Bundesgericht weiter. Es sei «skandalös», wie das Gericht das Gutachten der Empa interpretiere.

 
 
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