IG Stiller - www.nachtruhe.info
"Lärm bedeutete bei unseren Vorfahren "Gefahr!" und ist daher in unseren Genen als ALARM gespeichert.
Deshalb ist aus medizinischer Sicht eine Gewöhnung an Lärm nicht möglich."

Dr. Hans Göschke, Aerzte für Umweltschutz, Oberwil
Dr. Hans Göschke,  Aerzte für Umweltschutz, Oberwil

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Kirchenglocken – Heiliger Bimbam!  
12. Januar 2007
Quelle: kathbern.ch (von Csilla Hegyi)

Immer wieder geraten sie durch zu lautes Geläut oder durch ihren symbolischen Gehalt in die Schlagzeilen: Kirchenglocken. Für die einen gehören sie dazu, den anderen raubt ihr Klang den Schlaf. Die aktuelle Titelbildserie porträtiert die Glocken der Kirchen Bruder Klaus und Dreifaltigkeit in Bern.

Ich habe nur schöne Erinnerungen an das Läuten von Kirchenglocken. Aufgewachsen in einem katholischen Kanton, in einer ländlichen Gegend, in der Nähe einer Kapelle, bin ich mir das viertelstündige Läuten während des ganzen Tages gewohnt. Das Geläut war zu leise, als dass es gereicht hätte, mir auf die Nerven zu gehen.
An vielen Orten ist der Zeitschlag allerdings so laut, dass es unmöglich ist die Ruhe zu geniessen.
Und da ich mit gesundem Schlaf gesegnet bin, erinnere ich mich nicht einmal mehr, ob es während der Nacht auch geläutet hat.

Als es noch „richtige“ Winter mit eisigen Temperaturen gab, passierte es gelegentlich, dass das Uhrwerk einfror und die ganze Glockenläute-Mechanik zum Erliegen kam. Fiel das Läuten dann aus, fehlte einem nichts.
Natürlich fehlt es einem an nichts wenn es ruhig ist - sofern man die Stille noch aushalten kann; was viele Menschen heutzutage anscheinend wieder lernen müssen!
Läutete es, störte das aber auch nicht. Es gehörte einfach zur Wohnkulisse dazu und erinnerte sanft aus der Ferne an den Fluss der Zeit.
Kann man den Fluss der Zeit auch ohne Geräusche wahrnehmen? (Genau so wie es seit Urzeiten immer gemacht worden ist!)

Heute wohne ich in der Stadt und anstatt am regelmässigen Läuten erkenne ich die Uhrzeit morgens früh um Sieben am barbarischen Krach, den die Motoren der kleinen blauen Abfallentsorgungs-Traktore in den Morgen schmettern. Diesen Motorenlärm würde ich sofort gegen Glockengeläut eintauschen. Na ja, ausser, die Glocken wären direkt in meiner Nachbarschaft.

Eine kurze Geschichte des Läutens

Metall zum Tönen zu bringen scheint ein sehr altes menschliches Bedürfnis zu sein. Gegen Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. hat der Mensch herausgefunden, wie man Metall giessen und bearbeiten kann. Seitdem stellt er Werkzeuge, Waffen, aber auch Gongs und Glocken her.
Also sind die Glocken nicht christlichen sondern heidnischen Ursprungs - in der Tat suchen wir das Wort "Glocke" in der Bibel vergeblich!

Gongs und Klangschalen erfreuen sich bei uns einer wachsenden Beliebtheit. Der Klang dieser Instrumente eignet sich besonders gut zum Stressabbau, und immer öfter werden sie auch im Westen als Meditationshilfen eingesetzt.
Gongs und Klangschalen eignen sich möglicherweise zum Stressabbau für einige Menschen, aber sicher nicht für alle.

Das Geläut einer Kirchenglocke lässt sich kaum mit dem Klang einer mit einem Filzklöppel angeschlagenen Klangschale vergleichen. Wer neben einer Kirche mit einem Glockenturm wohnt, kann bestimmt ein Lied davon singen.

Früher läuteten die Kirchenglocken, um den Dorf- und Stadtbewohnern die Zeit anzugeben. Nicht jeder trug eine Uhr am Handgelenk und man orientierte sich am Stundenschlag der Kirchenglocke.
Heute kennen viele Gemeinden aber den Viertelstundenschlag. Während der Nacht gar die viertelstündlichen Weckschläge. Keinem Menschen würde es einfallen während 24 Stunden jede Viertelstunde auf die Uhr zu schauen. Deswegen brauchen wir auch nicht 24 Stunden akkustisch daran erninnert zu werden!

Glocken wurde aber auch zur Warnung geläutet, etwa wenn der Feind die Stadtmauern erreicht hatte oder wenn eine Feuersbrunst ausbrach. Und jeder kennt die sprichwörtlichen Hochzeitsglocken.

Das Wettrüsten

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hielt die Industrialisierung in der Ostschweiz Einzug und mit dem Reichtum konnte man sich immer grössere und schwerere Glocken leisten. Ein regelrechtes Wettrüsten mit Kirchenglocken begann.

Ganze Gemeinden oder Konfessionen liessen immer grössere Glocken läuten. Die grösste Glocke der Schweiz hängt im Berner Münster. Sie ist 11,5 Tonnen schwer und wurde 1611 gegossen. Als Ergebnis dieses Glockenwettbewerbs erklingen in der Ostschweiz so viele grosse Geläute, wie sonst nirgends auf der Welt.


Nachtruhe statt Glockenlärm

Erdröhnt eine Kirchenglocke aus der direkten Nachbarschaft, ist dies ein ganz anderes Lärmkaliber, als das Geläut von Kapellenglocken aus der Ferne. Für überzeugte Kirchgängerinnen und Kirchgänger gehört jedoch das Glockengeläut zur Kirche, wie das Amen zur Messe. Glockengeläut sollte ursprünglich zum morgendlichen Frühgebet rufen und sonntags zum Kirchenbesuch einladen.

Das Geläut habe aber jegliche Bedeutung verloren, da nun wirklich alle eine Uhr besitzen und Kirche nicht mehr gelebt werde. So argumentieren Gegner von Kirchenglockengeläut und man fragt sich wirklich: wer betet heute noch zum morgendlichen Glockengeläut? Die Tradition des Glockengeläuts scheint hinfällig geworden zu sein. Hingegen wird die Nachtruhe, die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten, von der Interessengemeinschaft "Stiller" aktiv eingefordert.

Glockengeläut in Bern

Bereits heute dürfen die Glocken in der Stadt Bern nicht mehr zu jeder Tages- und Nachtzeit geläutet werden. Während der Woche dürfen beispielsweise die Glocken der Bruder Klaus Kirche in Bern morgens, mittags und abends erklingen. Zur Messe darf am Sonntagmorgen ebenfalls geläutet werden. Samstagmorgens ist es jedoch gesetzlich verboten, da Beschwerden aus der Nachbarschaft eingereicht wurden. Glocken am Samstagmorgen hört man aber trotzdem: vom reformierten Glockenturm!

Manfred Ruch, Gemeindeleiter der Röm.-kath. Pfarrei St. Marien in Bern erinnert sich, dass es vor Jahren einmal eine Beschwerde von Anwohnern gab. Man musste Lärmmessungen vornehmen, und per Gerichtsbeschluss mussten am Glockenturm in St. Marien lärmdämpfende Jalousien angebracht werden. Die Glocken klingen mittags und abends und seither hat sich niemand mehr beschwert.

Die Thematik scheint immer wieder ein heisses Eisen zu sein, denn Kirchgänger und Gebimmel-Nostalgiker vertragen sich schlecht mit Glockengeläut-Gegnern und anderen Ruheliebenden.
Wir sind keine "Glockengeläut-Gegner" sondern Nachtruhe-Befürworter!

Das mag an der Natur der Sache liegen. Zum einen können Kirchgänger kaum verstehen, wie man sich am friedlichen Geläut stören kann.
Der zum Teil extrem laute Glockenlärm ist eben genau alles andere als friedlich!

Zum anderen sind Glocken als religiöse Symbole kaum zu überhören und entfachen immer wieder neue Diskussionen. Zu hoffen bleibt, dass daraus mehr als ein heiliges Bimbam hervorgeht und man sich in eine gemeinsame Richtung bewegen kann, auch wenn man dabei immer wieder im Kreis herum geht.

 
 
Realisierung: RightSight.ch