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Kirchenglocken werden durch zu häufiges und lautes Läuten zerstört  
12. April 2009
Quelle: Süddeutsche Zeitung (Von Mike Szymanski)

Suche nach dem verschollenen Klang

Zu harte Klöppel und gefühllose Läutemaschinen: Der Fortschritt setzt den Kirchenglocken zu. Wissenschaftler in Kempten wollen sie jetzt besser schützen

Kastl - Es hilft alles nichts. Der Ton ist tot. Da kann auch einer wie Thomas Winkelbauer machen, was er will. Wieder schlägt er mit seinem Hammer behutsam die schwere Bronze an. Aber alles, was der 44-Jährige dieser Glocke noch entlocken kann, ist ein scheppernder Laut. Keinesfalls zu vergleichen mit jenem Klang, der früher einmal diesen Glockenturm ausfüllte. Auch Albert Prün, der Mann von der Kirchenverwaltung der Klosterkirche Kastl, steht jetzt mit ernstem Gesicht im engen Glockenturm. Er hat die Hände tief in seinen Jackentaschen vergraben. Die Stürmerin schweigt. Das erste Mal seit 700 Jahren...

...Ihm blieb auch nichts anderes übrig. Die Kastler hatten ihn erst angerufen, als es schon zu spät war. Jetzt schaltet er seine Stirnlampe an und klettert unter die Glocke. Ein 70 Zentimeter langer Riss zieht sich die Glocke hinauf. Er ist sehr fein und nur bei genauerem Hinsehen zu erkennen. Aber in seiner zerstörerischen Wirkung hat er ganze Arbeit geleistet...

...Thomas Winkelbauer versucht unterdessen zu retten, was zu retten ist. Wenn er mit seinem weißen Kombi die Pfarrgemeinden ansteuert, ist es so, als ob der Arzt kommt. Die Leute sagen: "Sie müssen helfen!" Seit 2002 kümmert er sich um die Glocken im Bistum Eichstätt. Für 600 Kirchtürme ist er zuständig. Die meisten bereiten ihm Sorgen. Um die Glocken der Republik ist es nicht gut bestellt. Etwa 90 000 hängen in Deutschland. In den vergangenen 60 Jahren aber sind mehr kaputt gegangen als in den 600 Jahren davor, teilte der Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen unlängst mit. Vorsichtigen Schätzungen zufolge gelten mindestens zehn Prozent der Glocken als beschädigt. Nicht ohne Grund schiebt Winkelbauer schon wieder 80 Überstunden vor sich her. Er hat einfach so viel zu tun.

Die Stürmerin liegt ihm besonders am Herzen. Im Jahr 1322 wurde sie gegossen, aus Anlass der gewonnenen Schlacht von Ampfing bei Mühldorf. "Da steht man ehrfürchtig vor so einer Glocke", sagt Winkelbauer. Er inspiziert den Riss, der an jener Stelle seinen Anfang nimmt, wo der schwere Klöppel anschlägt. "Sehen Sie", sagt Winkelbauer. "Die Belastung war viel zu groß. Die Stürmerin ist regelrecht kaputtgeläutet worden", sagt er. "Das kommt leider immer wieder vor." Winkelbauer könnte den Job von Michael Plitzner sicherlich nicht machen. Er würde es gar nicht über sein Herz bringen, wozu der drahtige 33 Jahre alte Maschinenbau-Ingenieur in der Lage ist. Plitzner läutet Glocken so lange und so heftig, bis sie springen...

...Wer Plitzner eine Zeit lang zuhört, merkt schnell, dass dies tatsächlich eine Wissenschaft für sich ist. Er sagt, man müsse als erstes akzeptieren, dass Glocken Gebrauchsgegenstände seien. "Sie verschleißen", erzählt Plitzner. "Theoretisch könnten Glocken ewig halten", sagt er. "Wenn man sie schont und so gut wie nie benutzt." Plitzner tut das aber nicht.

Er setzt seine Ohrenschützer auf und hantiert an einer Elektronik. Dann setzt sich auch schon eine Läutemaschine in Betrieb und lässt eine 942 Kilo schwere Glocke schwingen. Dünne Kabel sind an ihr befestigt. Ein Dehnungssensor an der Glockenoberfläche, ein Beschleunigungsmesser am Klöppel und Mikrofone erfassen allerlei Kräfte und Töne.

Es ist ausgerechnet der Fortschritt, der Glocken heutzutage so zusetzt. "Die meisten Anlagen werden falsch geläutet", erklärt Plitzner. Es fehlt das Fingerspitzengefühl, das die Mesner früher mitbrachten, als sie noch mit der Hand läuteten. Von denen wäre keiner auf die Idee gekommen, mehr Kraft zu investieren als unbedingt notwendig.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schafften Pfarrgemeinden nach und nach Läutemaschinen an. Dann kam niemand mehr ins Schwitzen, und die Glocken läuteten lauter denn je. Auch der Stahl im Klöppel wurde im Laufe der Jahrzehnte qualitativ immer besser, aber irgendwann zu hart für den sensiblen Guss. Ein früher fein austariertes System funktioniert heute nicht mehr.

Natürlich wollten Plitzner und seine Kollegen wissen, wie schnell man eine Glocke kaputtkriegt, wenn man es darauf anlegt. "350 Stunden hat das gedauert", sagt er. "Als ich morgens ins Labor kam, habe ich schon den blechernen Ton gehört." 20 Versuchsglocken, eigens für die Wissenschaft von Glockengießern gefertigt, haben die Forscher zerschlissen, um sich ein Grundwissen anzueignen. Jetzt im Mai gründen die Forscher in Kempten ein europaweites Kompetenzzentrum für Glocken. Sie wollen Lebensdaueranalysen erstellen und so helfen, dass nicht noch mehr Glocken einfach kaputtgeläutet werden. Mal verordnen sie einen leichteren Klöppel, andere Gemeinden sollen weniger heftig läuten. "Es geht um Kulturgüter", sagt Plitzner...

Ganzer Text: Sueddeutsche.de - Kirchenglocken Klang

Speziell in der Ost- und Zentralschweiz wird meist zu hart geschlagen und geläutet. Den involvierten Firmen und ihren Auftraggebern ging es nur darum, möglichst laut und lang Lärm zu machen. Langsam wird nun den Verantwortlichen klar, dass darunter die Glocken leiden.

 
 
Realisierung: RightSight.ch