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"Wir denken, dass in der heutigen Zeit Armbanduhren, Wecker und andere Zeitmesser das Ablesen der Uhrzeit ermöglichen und die akustische Zeitangabe nicht mehr den gleichen Stellenwert hat wie früher."
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Offener Brief an das «10vor10»-Team von einem Glockenlärm-Befürworter  
1. September 2006
Quelle: St.Galler Tagblatt (offener Brief von Konrad Noll)

Zum Bericht in «10vor10» über die Kirchenglocken in Trogen und Wil vom 29. August

Leider haben Sie Ihr Versprechen nicht eingehalten, einen neutralen Beitrag über das Thema zu senden, damit sich die Zuschauer ein eigenes Urteil machen können. Tatsächlich war schon die Ankündigung des Beitrags am Beginn der Sendung, mit «Aufhören bitte . . .» einseitig appellativ; und im Beitrag selbst hatten die Glockengegner mehr Redezeit und wurden auch durch die Fragetechnik und die Kommentare des Journalisten unzweideutig unterstützt.
Die Glockenlärm-freunde kamen weniger zu Wort weil Sie schlicht keine Argumente haben dafür haben, warum wir Nacht für Nacht durch den Viertelstunden-Schlag an einem gesunden Schlaf gehindert werden sollen.
(Ausser das fadenscheinige Argument der
Tradition: Früher wurde von Hand geläutet, mit viel kleineren Glocken! Was ist mit dieser Tradition geschehen?)

Warum stellen sich Medienschaffende, wie Sie, meist gegen alte und schöne Traditionen, die von einer Mehrheit geschätzt werden? Ist es der alte Anti-Heimelig-Reflex, oder in diesem Fall, die Anti-Kirchen-Tendenz von vielen Journalisten?
Heimelig ist ein guter Schlaf - die viertelstündlichen Weckschläge verhindern den.

Warum unterstützen Sie die Intoleranz einer egozentrischen Minderheit, die freiwillig in die Nachbarschaft einer Kirche zog und dann diese historische Umgebung nach ihrem Willen umformen möchte? Mit der gleichen egoistischen Logik könnte man auch alle Biotope (quakende Frösche), Bauernhöfe (Milchkannen, Kuhglocken und Hähne), Kinderspielplätze und Festveranstaltungen usw., usf. verbieten . . .
Egozentrisch sind Sie Herr Noll. Sie wollen uns einfach nicht ungestört schlafen lassen!
Froschgequake lässt sich nicht verhindern, und ist natürlich. (Traditionellerweise seit es Frösche gibt!) Hähne krähen nicht jede Viertelstunde während der gesamten Nacht. Kinder schlafen während der Nacht (vorausgesetzt wir lassen Sie schlafen, also ohne dem nächtlichen Zeitschlag!) Festveranstalter müssen sich an Dezibelgrenzen halten und Bewilligungen einholen. (Ferner dienen Festveranstaltungen einem wirtschaftlichen Zweck.) Bei Kuhglocken haben Sie allerdings recht: Kuhglocken sind Tierquälerei und haben während der gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeit (22.00 - 07.00) nichts in Wohngebieten zu suchen!

Vielleicht werden Sie jetzt einwenden, dass auf den nächtlichen Glockenschlag leicht zu verzichten wäre, weil ja alle eine Uhr zuhause haben. Aber ist das nicht etwas zu kurz gedacht? Natürlich haben die meisten Leute eine Uhr. Aber ebenso haben fast alle eine Küche. Soll man deswegen die Wirtshäuser verbieten? Das nächtliche Zeitzeichen ist, wie ein Wirtshaus, zwar nicht zwingend notwendig, aber eine sozial und kulturell verbindende Institution. Seit dem Mittelalter gehören nächtliche Glockentöne zur vertrauten Klangheimat unserer Siedlungen und haben sich tief in das kulturelle Gedächtnis eingegraben.
Ganz genau: die viertelstündlichen Weckschläge sind in der Tat überflüssig da heutzutage wirklich nahezu alle Bürgerinnen und Bürger eine Uhr zu Hause haben.
Wie um Himmelswillen können Sie eine private Küche mit einem öffentlichen Wirtshaus vergleichen?
Wie schon oben erwähnt wurden im Mittelalter die Glocken von Hand geschlagen. Und die Glocken waren viel kleiner und somit auch viel weniger laut! Ferner gibt es den nächtlichen Zeitschlag in vielen Gemeinden erst seit dem letzten Jahrhundert.

Zahlreiche Romane, Opern, Sagen und Kinderbücher zitieren das bezaubernde Glockenschlagen zur «Geisterstunde». Wollen wir wirklich, dass unsere Kinder so liebenswerte Klassiker, wie Ottfried Preusslers «Das kleine Gespenst», nicht mehr verstehen können? Und was wäre eine Silvesternacht ohne zwölf Glockentöne zur Mitternacht, und was ein Basler Morgestraich ohne das Vier-Uhr-Schlagen?
Tatsächlich können wir damit leben wenn unsere Kinder "Das kleine Gespenst" nicht ganz verstehen - wir möchten nämlich dass unsere Kinder während der Nacht schlafen! Glockengeläut können sie während des Tages mehr als genug hören. Unsere Erfahrungen zeigen aber dass Kinder im allgemeinen keine Interesse an Glockenklängen haben.
Um Mitternacht läuten die Glocken leider nicht nur zwölf Mal - sonden mindestens 20 Mal. (8 Ankündigungs-Schläge dass man auch wirklich aufwacht, und dann erst die 12 Zeitschläge.) In Wil SG gibt es einen Kirche die gar 12 Ankündigungsschläge und dann erst die 12 Zeitschläge schlägt - also 24 Schläge + die 20 der anderen Kirche + die dritte Kirche. Alles wild durcheinander. Unmöglich zu unterscheiden z.b.vom 23-Uhr Lärminferno. Völlig ausgeschlossen herauszufinden ob es nun 23.00 oder 24.00 ist - was wir aber auch gar nicht wissen wollen; wir wollen nämlich während der Nacht s c h l a f e n !

Der ideelle Wert von Glockenklängen kann nicht in Franken oder Dezibel angegeben werden, aber die Entspannung und Freude, die viele Menschen durch diese vertrauten Klänge erhalten, wird belegt durch zahlreiche Zeugnisse. Denken wir nur an Anne Frank, für die die Glockentöne der benachbarten Amsterdamer Kirche immer ein Trost- und Hoffnungszeichen gewesen sind. Zum viertelstündlichen Glockenklang vom nahen Westerturm schreibt Anne Frank in ihr Tagebuch: «Mir hat es sofort gefallen, und besonders nachts ist es so etwas Vertrautes.»
Natürlich kann der nächtliche Glockenzeitschlag in Dezibel angegeben werden. In Wil SG zum Beispiel in der Mitte einer Wohnung gemessen erreicht der Stundenschlag 80 Dezibel - mitten in der Nacht!
(Messung der IG Stiller, notariell beglaubigt; Kopien der entsprechenden Dokumente können bei uns angefordert werden.)

In diesem Sinne bitte ich das «10-vor10»-Team darum, bei diesem Thema nicht wieder einseitig gegen unsere alte Glockenkultur zu arbeiten.
Niemand arbeitet gegen die "Glockenkultur" - wir arbeiten für die älteste aller Traditionen - die der Nachtruhe!

Konrad Noll, Schaffhausen

IG Stiller

 
 
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