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"…Eine ungestörte Nachtruhe ist in Anbetracht der Anforderungen, die das moderne Leben an die Nervenkräfte des Menschen stellt, ein erheblich schutzwürdiges Gut."

Bundesgerichtsentscheid von 1919
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Offener Brief an den Schweizerischen Bauernverband  
26. September 2005

Offener Brief an den Bauernverband: Sind Kuhglocken Tierquälerei?

Sehr geehrte Damen und Herren

In den Luzerner Nachrichten vom 13.8.05 hat Herr Mathias Singer, Stab/Kommunikation, Schweizerischer Bauernverband, Stellung genommen zur Frage: "Weshalb tragen Kühe eigentlich Glocken?"[1]
Herr Singer behauptet, die Grundidee von Kuhglocken sei, dass die Tiere auf den Weiden auch bei Nacht und Nebel gefunden werden können und dass das Wohlbefinden der Tiere nicht unter den Glocken leide.

Der gesunde Menschenverstand weist eher in die andere Richtung: kein Mensch trägt freiwillig Tag und Nacht eine Glocke.
Kein Wort vom Bauernverband zur Grösse, Schwere und Lautstärke der Glocken, welche ausschlaggebend sind für die Verträglichkeit.
Anbei zwei Bilder (Aufnahme 18.9.05 in Trogen), welche zeigen, dass schwere Glocken zu Schürfungen und Wunden führen können. Sicher ist auch, dass die Lautstärke am Ohr der Tiere teilweise so hohe Werte erreicht, dass die Tiere eigentlich einen Gehöhrschutz tragen müssten. Der Tierschutzbund Innerschweiz (TBI) wird diese Sache noch genauer prüfen lassen.

Neben den tierschützerischen Aspekten gibt es aber auch Aspekte des Menschenschutzes. So hat das Bundesgericht 1975 festgestellt, dass es im Siedlungsgebiet keinen Grund gibt, dem Vieh beim Weiden zur Nachtzeit Glocken umzuhängen und dass die Einhaltung der Nachtruhe zwischen 20 Uhr bis 7 Uhr im Siedlungsgebiet auch für Kuhglocken gilt.[2]

Auch die Aussage zum Sinn der Glocken ist wohl falsch. Wie eine Recherche in der Bibel zeigt, waren Schellen ursprünglich Musik- und Tanzinstrument[3]. Schon zu biblischen resp. römischen Zeiten wurden Tiere mit Schellen geschmückt[4]. Je nach Interpretation ging es dabei um Zauberschutz[5] resp. Glücksbringer oder um eine Art Lobpreisung Gottes. Schutz vor Unheil ist auch heute noch der stärkste und ursprünglichste Grund für die Bauern, den Tieren Schellen anzuhängen[6]. Zwar mögen Glocken auf der Alp eine gewisse akkustische Hilfestellung sein, das ist aber offensichtlich nicht die Grundidee des Herdengeläuts. Tatsache ist ja auch, dass die meisten Tierhalter auf dieser Erde ohne Glocken und Schellen auskommen.

Was gedenkt der SBV in dieser Sache zu unternehmen?

Mit freundlichen Grüssen

IG Stiller
Für den Vorstand: Arwed Bamert, Hans Fuchs, Dr. phil. II Samuel Büechi

[1] http://www.zisch.ch/navigation/top_main_nav/FORUM/ratgeber/tiere/detail.htm?client_request_­contentOID=43431

[2] Bundesgericht: 101 II 248. 41. Auszug aus dem Urteil der II. Zivilabteilung vom 29. Mai 1975 i.S. B. gegen Z.

[3] 2.Mose 28,33 : 28,33 Und unten an seinem Saum sollst du Granatäpfel machen aus blauem und rotem Purpur und Scharlach ringsherum und zwischen sie goldene Schellen auch ringsherum, 28,34... 2.Mose 39,25 : 39,25 und machten Schellen aus feinem Golde; die taten sie zwischen die Granatäpfel ringsherum am Saum des Obergewandes, je einen Granatapfel und eine Schelle... 2.Sam 6,5 : 6,5 tanzten David und ganz Israel vor dem HERRN her mit aller Macht im Reigen, mit Liedern, mit Harfen und Psaltern und Pauken und Schellen und Zimbeln.

[4] Sach 14,20 : 14,20 Zu der Zeit wird auf den Schellen der Rosse stehen (a) «Heilig dem HERRN».

[5] Niederberger, Hans­peter et Hirtler Christof: Geister, Bann und Herrgotts­winkel. Brunner Verlag 2000, S. 204: „Seit der Antike galt Lärm als Mittel, um geister­hafte Wesen und Dämonen abzu­wehren. Die bekanntesten Lärmumzüge finden von anfangs Dezember bis zur Fasnacht statt. Als Lärmin­stru­ment werden Pfeifen, Glocken, Peitschen, Kuhhörner, Tritonshörner, Rät­schen, Trommeln und vieles mehr gebraucht. Soweit der Schall drang, waren Dämonen und Hexen machtlos. Das wich­tigste Lärminstrument war die Glocke. Sie war ur­­sprüng­lich ein Kultobjekt und diente der Dämonenabwehr. Man fand Glocken als Bei­gabe in römischen Gräbern. Sie sollten die Toten vor dem Unfug der Geister schützen. Glöckchen­amulette wurden später kleinen Kindern und Tieren zum Schutz gegen Behe­xung umgehängt.

[6] Weiss, Richard: Das Alpwesen Graubündens. Zitiert nach Appenzeller Zeitung vom 24.8.05


(„Plümpa“: Die Magie der Glocken von Brigitte Schmid-Gugler)

 
 
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