IG Stiller - www.nachtruhe.info
"Der Lärm schützt uns vor peinlichem Nachdenken,
er zerstreut ängstliche Träume,
er versichert uns, dass wir ja alle zusammen seien und ein solches Getöse veranlassen, dass niemand es wagt, uns anzugreifen..."

Carl Gustav Jung
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Pssst! Dem Verein IG Stiller ist die Ruhe heilig  
2. September 2005
Quelle: Schaffhauser Nachrichten (von Hermann-Luc Hardmeier)

Schaffhauser Nachrichten: Pssst! - Dem Verein IG Stiller ist die Ruhe heilig Es ist kurz vor vier Uhr morgens. Mit lautem Hämmern schlägt die Glocke des katholischen Kirchturms im sankt-gallischen Wil achtmal. Doch dies war erst die Ankündigung für den Stundenschlag.
Hans Fuchs, der in der Nähe des Kirchturms wohnt, ist aufgewacht und dreht sich mürrisch im Bett. Wieder einschlafen hat vorerst keinen Sinn, denn er weiss, was nun folgen wird: Mit metallischem Scheppern setzt der Stundenschlag ein – viermal. Hans Fuchs vergräbt seinen Kopf im Kissen, doch die «Ruhestörung», wie Hans Fuchs sie nennt, ist noch nicht überstanden. Nun startet die ebenfalls nahe gelegene reformierte Kirche mit ihrem Glockenschlag und danach eine dritte, etwas weiter entfernte katholische Kirche.

«Diese Tortur wiederholt sich nicht etwa nur jede Stunde, was allein schon genug wäre, um meinen
Schlaf zu verderben», erklärt Fuchs empört, «Nein, die drei Kirchenglocken schlagen jede Viertelstunde.
Dies die ganze Nacht hindurch und in einer völlig übertriebenen Lautstärke.»
Hans Fuchs fühlt sich in seiner Nachtruhe extrem gestört und hat sich deshalb im Juni 2004 an der Gründung des Vereins IG Stiller beteiligt. In der ganzen Ostschweiz fanden sich schnell viele Gleichgesinnte, die ebenfalls unter den Glockenklängen leiden: «Wir sind bisher 50 Aktivmitglieder, haben aber auch sehr viele Sympathisanten, die uns indirekt unterstützen», so Fuchs.

«Die Forderungen unseres Vereins sind klar», erklärt Samuel Büechi, Pressesprecher von der IG Stiller weiter. «Wir wollen, dass die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten und speziell die Nachtruhe von 22 bis 7 Uhr auch für die Kirchenglocken Gültigkeit haben.»
Der Verein versteht nicht, warum der «Lärm» der Kirchenglocken toleriert wird, wohingegen jeder andere Lärm in der Nacht als Ruhestörung polizeilich abgestellt würde. «Kirche und Staat sind in unserem Land doch schliesslich getrennt, es dürften keine Sonderregelungen gelten», argumentiert Büechi.

Um das ganze Problem verstehen zu können, muss man wissen, dass die Klänge der Kirchenglocken in zwei verschiedene Kategorien eingeteilt werden: Einerseits gibt es den Stundenschlag, der teilweise auch viertelstündlich ausgeführt wird. Andererseits gibt es das Läuten, das dreimal täglich (morgens, mittags und abends) den Gläubigen die Betzeiten angibt.
Die IG Stiller unterscheidet zwischem einem kultischen und einem kultlosen Läuten: «Das kultische Läuten ist jenes, dass vor oder nach den Betzeiten ertönt, das kultlose erklingt je nach Ort drei- bis viermal täglich und erfüllt unserer Meinung nach keinen erkennbaren Zweck», erklärt Samuel Büechi.
«Wir wehren uns gegen den Stundenschlag und gegen das kultlose Läuten», präzisiert er die Forderungen der IG Stiller.

Jean-Louis Stoffel, Gemeindeleiter der katholischen Kirche St. Peter in Schaffhausen, unterscheidet beim Glockengeläut nicht zwischen kultisch und kultlos. Für ihn hat das so genannte «Angelusläuten» als Ganzes sakralen Charakter. In bezug auf den Stundenschlag erklärt er, dass dieser früher – als noch nicht jedermann eine Armbanduhr besass – den Leuten die Zeit angegeben habe. Deshalb habe der Stundenschlag im Gegensatz zum Angelusläuten keine religiöse Bedeutung und sei somit verhandelbar.

Stoffel verweist darauf, dass die katholische Kirche in der Stadt Schaffhausen den Forderungen der IG Stiller bereits nachgekommen ist, obwohl sich nie ein Vertreter des Vereins bei ihr beschwert habe. Die Kirchen St. Maria, St. Konrad sowie St. Peter haben den Stundenschlag in der Nacht abgeschafft. Bei Letztgenannter geschah dies auf Grund einer Petition von Quartierbewohnern.

Obwohl somit ein Grossteil des Konfliktpotenzials zwischen der katholischen Kirche Schaffhausen und der IG Stiller aus der Welt geschafft wäre, gibt sich Jean-Louis Stoffel unzufrieden, als er auf den Verein angesprochen wird: «An diesem Verein kritisiere ich, dass er die Kirchenglocken lediglich als Lärmquelle sieht. Die Klänge der Glocken haben auch einen grossen ideellen Wert, und dies nicht nur für religiöse Menschen.» Um zu illustrieren, was mit dem ideellen Wert genau gemeint ist, erzählt er vom Umbau der Kirche St. Peter.
Als während der Renovationsarbeiten die Glocken dort für einige Wochen schwiegen, hätten sich auch Nicht-Kirchgänger beschwert, dass sie die «heimeligen Klänge» vermissten.
«Ich frage mich, ob diese Leute von IG Stiller tatsächlich geweckt werden oder ob es ihnen um etwas ganz anderes geht».

Stoffel vermutet: «Ich glaube nicht, dass es der Glockenschlag an sich ist, der die IG Stiller stört. Vielleicht ist es eher die Tatsache, dass der Glockenschlag ein kirchliches Geräusch ist.»

In Sachen nächtlicher Stundenschlag sieht die Situation bei der reformierten Kirche Schaffhausen ähnlich aus wie bei den Katholiken. In der Stadt wurde er ebenfalls eingestellt. In den Gemeinden des Kantons Schaffhausen gibt es aber noch sehr viele Kirchen, die klangvoll die Stunden untermalen, beispielsweise in Oberhallau, Stein am Rhein und Wilchingen.

Jörg Ferkel, der Medienbeauftragte der reformierten Kirche Schaffhausen, hält den ganzen Aufruhr für übertrieben. Es gebe schliesslich Lärm wie jener von Flugzeugen oder der Bahn, der wesentlich schlimmer sei als derjenige der Kirchenglocken.
«Ich kann mir schon vorstellen, dass es Leute gibt, die einen leichten Schlaf haben. Aber wegen einmal Bimbam wacht doch niemand auf!», findet er. Ihn würde vielmehr interessieren, ob die IG Stiller auch gegen einen Muezzin einer muslimischen Kirche protestieren würde oder um welche Art von Lärm es ihnen genau gehe.

Die Mitglieder der IG Stiller schütteln bei so viel Unverständnis nur den Kopf. Mit Ohrenpropfen und Schallschutzfenstern versuchen sie die Situation in ihren Schlafzimmern erträglich zu machen.

Sie haben es satt, dass Leute mit festem Schlaf nicht akzeptieren wollen, dass es auch Leute mit leichtem Schlaf gibt: «In der Stadt Schaffhausen herrschen offenbar bezüglich Stundenschlag paradiesische Verhältnisse, doch schweizweit gesehen ist das eine Ausnahme!» verteidigt sich Hans Fuchs.
«Wir hören die Schläge sogar durch die geschlossenen Fenster.»
Er führt weiter aus, dass mittlerweile jedermann Uhren und Wecker zu Hause habe und mitten in der Nacht nicht wissen wolle, wie viel Uhr es sei.
«Wir würden uns selbstverständlich auch gegen einen Muezzin wehren, der in der Nacht von einem Turm schreit», sagt Büechi und ergänzt, dass viele Mitglieder der IG Stiller auch Kirchgänger seien. Ihr Verein richte sich keinesfalls gegen die Religion an sich, sondern gegen die Ruhestörung.


Ein Vorwurf des Vereins ist dennoch ziemlich provozierend: Das Läuten in der Nacht und am Morgen sei eine pure Macht-demonstration der Kirche. «Das stimmt nicht» , wehrt sich Jörg Ferkel von der reformierten Kirche. Die Vertreter der Kirchen auf dem Land hätten ihm bestätigt, dass sie sogar bereit seien über den Fortbestand des nicht religiösen Stundenschlags in der Nacht zu diskutieren.

Das sakrale Geläut am Morgen jedoch stehe nicht zur Debatte:
«Die christliche Kirche hat einen Platz in der Gesellschaft, den sie wahrnehmen will. Das dreimalige Läuten im Verlaufe des Tages gehört sozusagen zu unserer Corporate Identity und ist fester Bestandteil des religiösen Lebens.»
Jörg Ferkel räumt ein, dass man allenfalls über den Zeitpunkt des Morgenläutens reden könne. Es gäbe aus seiner Sicht keine zwingenden Gründe dafür, dass es genau um sechs Uhr morgens stattfinden müsse. Darüber hinaus findet er, dass man beim Vorwurf der «Lärmbelästigung» differenzieren sollte: «Ich behaupte, dass es sehr wohl einen qualitativen Unterschied zwischen einem Presslufthammer und dem melodischen Klang einer Kirchenglocke gibt.»

Samuel Büechi von der IG Stiller widerspricht dem:
«Lärm ist Lärm. Glockenschläge sind da nicht besser. Im Gegenteil, sie versetzen den Körper in eine Art Alarmzustand»
, weiss er und verweist darauf, dass es von der IG Stiller, jedoch auch von unabhängiger Stelle Messungen sowie Umfragen gebe, die klar zeigten, dass viele Leute sich stark gestört fühlten. Einen gesetzlich festgelegten Lärmgrenzwert für Kirchenglocken gäbe es allerdings nicht.

Auf die Frage, was die IG Stiller bisher erreicht habe, erhält man von Büechi anfangs nur zögerlich Antwort: «Mit unserem Verein haben wir es geschafft, viele Menschen für das Thema Kirchenglocken zu sensibilisieren», erzählt er und fügt an, dass es viele Kirchgemeinden gebe, die versuchten die Forderungen der IG Stiller zu ignorieren. Dort müsse man sein Anliegen über die politische Gemeinde durchbringen.

Es gebe aber auch gesprächsbereite Kirchgemeinden. Er verweist auf Kirchen in Degersheim, Flawil, Rheineck, St. Gallen und Arbon, wo, nicht zuletzt durch das Engagement der IG Stiller, die Kirchen in den letzten Jahren auf den Zeitschlag in der Nacht verzichtet hätten. Das Vorgehen war jeweils unterschiedlich: Zum Teil beschwerten sich einzelne Personen, an einigen Orten wurden Unterschriften gesammelt. Der Verein versendet auch Flugblätter per Post, verteilt solche auf der Strasse und führt Umfragen durch.

Büechi relativiert aber die erzielten Erfolge: «Nicht alle können wir unserem Konto gutschreiben, obwohl sie natürlich in unserem Sinne sind. Die Forderungen der IG Stiller liegen lediglich im Trend, und der Trend wird durch unsere Aktivitäten verstärkt.»

Wann die IG Stiller ihr Ziel erreicht und die Kirchenglocken endlich schweigen, steht jedoch in den Sternen. Slogans wie «Bis 2010 ist die Schweiz kirchenglocken-frei» findet der Pressesprecher des Vereins jedenfalls nicht lustig:
«Es ging uns nie darum, die Kirchenglocken ganz abzuschaffen»
, sagt er und erklärt:
«Wir würden deren Klang ja zu zwei Drittel der Zeit akzeptieren. Nur ein Drittel – jener in der Nacht – muss weg.
Doch ich fürchte, das ist ein Jahrhundertprojekt.»

(Vielen Dank Herr Hardmeier für diese ausführliche Reportage! Wir freuen uns über eine kurze Benachrichtigung zu eingehenden Leserbriefen.

Mit ruhigen Grüssen von allen Mitgliedern der IG Stiller nach Schaffhausen!)

 
 
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