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Laut dem Bundesverwaltungsgericht ist das Glockengeläut als Zeitansage "keine kirchliche Äußerung", sondern "eine Tradition, die ihre Bedeutung angesichts gewandelter Lebensbedingungen weitgehend verloren hat..."

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Süsser Klang oder Immission?  
15. April 2006
Quelle: Berner Zeitung (von Katharina Merkle)

Im Kanton gibt es wenig Proteste gegen die lauten Glocken der Gotteshäuser. Der Berner Kirchenhistoriker Rudolf Dellsperger glaubt, dass sich auch Nichtkirchgänger der Magie der Glocken kaum entziehen können.

Wir können uns dem Lärm der viertelstündlichen Weckschläge während der gesetzlich vorgeschriebenen Nachtruhe nicht entziehen!

Der Fall von Gossau ZH macht von sich reden: Ein Anwohner bekämpfte den nächtlichen Schlag der Kirchenglocke. Bis vor Bundesgericht. Dort blitzte er ab. Das Gossauer Geläut verstummt also nicht, sondern erklingt auch nachts weiterhin munter im Viertelstundentakt.


Im Kanton Bern gibt es zwar auch immer wieder kleinere Auseinandersetzungen rund um das Kirchengeläut (siehe unten). Doch: «Bei uns schwelen keine Glockenkonflikte», sagt Karl Graf, Dekanatsleiter der römisch-katholischen Kirche Region Bern.
Dafür schwielen sonst in der ganzen Schweiz Glockenlärmkonflikte; siehe die diversen Pressemitteilungen auf Nachtruhe.info

Und Beat Stähli, Infochef der evangelisch-reformierten Kirche Bern-Jura, sagt: «Es gibt nur wenige Konflikte. In den letzten fünf Jahren vielleicht zwei bis drei.»
Dies erstaunt: Denn niemand mag Lärm. Und nüchtern betrachtet ist das Kirchengeläut nichts anderes als eine Immissionsquelle, die 80 Dezibel – gleich viel wie ein Rasenmäher – erzeugt.
Tatsächlich sind sogar die viertelstündlichen Weckschläge während der Nachtruhe häufig lauter als 80 Dezibel! Siehe: Grenzwert ad absurdum geführt


Das Wochenende beginnt

Auch in Rudolf Dellspergers Wohnung sind die Glocken gut zu hören. Er und seine Frau Irmgard wohnen an der Berner Kramgasse – im akustischen Sandwich zwischen Münster und Zytglogge. Doch der Kirchenhistoriker sieht sich nicht als Lärmopfer. «Die Nähe zum Münster war sogar mit ein Grund dafür, dass wir vor sieben Jahren von Toffen in die Altstadt zogen.» Jetzt haben Dellspergers eine Terrasse mit freier Sicht aufs Münster. Am Samstagabend läuten die Glocken den Sonntag ein. «Dann gehe ich auf die Terrasse und höre zu. Es ist für mich ein Innehalten», sagt der 62-Jährige.

„Das Geläut des Münsters, ein metallisches Dröhnen, …
ein Lärm, dass man seine eigenen Gedanken nicht mehr hört,
ein Zittern der Luft, ein klangloses Beben,
ein Geräusch, wie wenn man von einem zu hohen Sprungbrett ins Wasser gesprungen ist, es macht mich taub, schwindlig, idiotisch.“

Max Frisch in seinem Roman "Stiller"

 

Den moralischen Zeigefinger hochhalten mag er aber nicht. Der Theologe versteht Leute, die sich am Wochenende die Nächte um die Ohren schlagen – und sich daher über das laute Kirchengeläut nerven, das sie Sonntagmorgen aus dem Schlaf reisst.
Während der gesetzlich vorgeschriebenen Nachtruhe (Lärmschutzverordnung) wird uns mit den viertelstündlichen Weckschlägen "um die Ohren geschlagen"!


Lädt ein – und verbindet

Jetzt, über die Ostertage, erklingen sie besonders oft, die Glocken. Kirchenkenner Dellsperger weiss:
Geläut ist nicht gleich Geläut. Er verzieht das Gesicht, wenn er an neuere Gotteshäuser denkt, deren Glocken ihre Dezibel ohrenbetäubend auf den Granitvorplatz schmettern. «Die Münsterglocken hingegen haben einen vollen Klang, sie erschlagen niemanden.»

Er glaubt, dass die Glocken – gerade weil man sie überall hört – etwas Verbindendes schaffen. «Das Geläut vor einem Gottesdienst lädt alle zu einer öffentlichen Feier ein.»
Glocken begleiten die Menschen von der Geburt bis zum Tod. Rudolf Dellsperger denkt, dass die Glockenschläge daher auch heute noch auf breite Akzeptanz stossen. Unabhängig davon, ob jemand mit der Religion etwas am Hut hat oder nicht. «Die Glockenklänge sind etwas Archetypisches, etwas, das tiefer geht.» Genauso wie die Feiertage.
Zwar bröckle das Wissen um die Bedeutung von Ostern, Pfingsten und Weihnachten rasant. «Und doch tragen die christlichen Feiertage dazu bei, dass das Jahr kein Einheitsbrei ist. Sie geben den zwölf Monaten eine Struktur.»


Kirchenturm als Privileg

Doch was geschieht, wenn die Glocken – wie in Gossau – immer mehr unter Beschuss geraten sollten? Würde die Kirche nicht an Macht verlieren? «Es ist zweifelsohne ein Privileg, wenn eine Religion über ein Kirchengebäude mit einem stolzen Glockenturm verfügt. Aber dies ist nicht existenziell», sagt Dellsperger. Er nennt die boomenden Gemeinden in Afrika, Asien und Südamerika. «Diese feiern ihre Gottesdienste oft in einfachen Häusern, wie wir sie in Europa bis vor 1000 Jahren hatten.»


Im Keller – ohne Geläut

Hier zu Lande sind es die Freikirchen, die immer mehr Anhänger finden. Auch ihre Feiern finden meist in nichtrepräsentativen Räumen statt. So trifft sich die Berner Pfingstgemeinde im Holenacker – unterhalb eines Turnplatzes. Und: «Die sehr lebendige afrikanische Gemeinde trifft sich in der Nägeligasse, im Untergrund.» Ein solches Treffen verursacht etwa 40 Dezibel.

Zur Person: Rudolf Dellsperger (62) ist in Bern aufgewachsen und wohnt seit sieben Jahren wieder in Bern. Seine Habilitation beendete er 1981, dann war er vier Jahre Pfarrer in Burgdorf. Seit 1986 ist er ordentlicher Professor an der theologischen Fakultät der Uni Bern. Er ist verheiratet und hat drei Töchter.


Huttwiler Hotelgäste konnten nicht schlafen

Manches Kirchengeläut ist sogar hochwillkommen – anderes eher lästig: Beispiele aus dem Kanton Bern.
Die katholische Dreifaltigkeitskirche im Stadtzentrum von Bern verzichtet darauf, am Sonntag zur 8-Uhr-Messe zu läuten. «Aus Rücksicht auf die Anwohner», sagt Dekanatsleiter Karl Graf. «Die Beamten in der Umgebung schätzen hingegen das Mittagsläuten – es ist ein willkommenes Signal zur Mittagspause.»
Die Beamten sind eingeladen an ihren eigenen Uhren die Zeit abzulesen. Es gibt Menschen die Mittagsruhe wollen.

Weniger Freude hatten die Anwohner der Johanneskirche in Thun. Vor anderthalb Jahren gab es dort Reklamationen wegen der Lautstärke des Geläuts.


Unruhe im Hotel

Beat Stähli sind keine aktuellen Glocken-Gerichtsfälle im Kanton Bern bekannt. Doch der Infobeauftragte der reformierten Kirche Bern-Jura erinnert sich an einen Fall in Huttwil. Dort hatten sich Hotelgäste über die lauten Glocken beschwert. «Aus touristischen Gründen wurde schliesslich auf das Geläute in der Nacht verzichtet», sagt Stähli. Auch in Zermatt VS verzichte man wegen der Gäste aufs Nachtgeläute.


Ruhiger dank Rollos

Ein früherer Glockenentscheid aus dem Jahr 1965 betraf die katholische Kirche Wangen an der Aare. Er richtete sich gegen den Viertelstundenschlag während der Nacht. Von 1985 gibt es einen Entscheid des Statthalters von Bern. Ein «Aktionskomitee gegen übermässiges Glockengeläute» stiess sich am Geläute und Stundenschlag der Johanneskirche und am Geläute der Marienkirche im Breitenrainquartier. Teilweise habe diese Beschwerde mit einem Vergleich geendet. Unter anderem, weil die Marienkirche Jalousien am Glockenstuhl einbaute – und so den Geräuschpegel um 10 bis 15 Dezibel senken konnte.kle

Darum läuten die Glocken

Die Kirchenglocken richten sich heute immer noch stark nach dem Tagesablauf der Bäuerinnen und Bauern.
Das Kirchengeläut behauptet sich in unseren Breitengraden seit gut 1000 Jahren. Damals wurde es aus Asien über Armenien und Ägypten nach Europa importiert – und war keineswegs willkommen. Aber nicht wegen der Dezibel. «Die Christen wehrten sich zuerst gegen die Kirchenglocken. Sie wurden als heidnischer Brauch wahrgenommen», sagt Theologe Rudolf Dellsperger.
Kirchenglocken SIND ein heidnischer Brauch: Das Wort 'Glocke' suchen wir in der Bibel vergeblich!

Als sich das Geläut schliesslich dennoch etablierte, veränderte sich zwangsweise auch die Form der Kirchen. Aus den einfachen, turmlosen Holzhäusern wurden Steinkirchen mit zuerst bescheidenen und später stolzen Türmen.


Es gibt die Unterscheidung zwischen dem weltlichen und dem kirchlichen Geläut. Diese Unterscheidung ist darauf zurückzuführen, dass oft die Glockentürme der Einwohnergemeinde gehörten und das Kirchenschiff der Kirchgemeinde. Somit hatten auch die bürgerlichen Gemeinden Zugriff auf das Geläut, zum Beispiel bei Bränden oder beim Verkündigen eines Todesfalls, am 1. August oder in der Silvesternacht.


Begleitet durch den Tag

Kirchlich ist das Einläuten des Sonntags am Samstagabend, meist mit allen Glocken. Gottesdienste werden oft mehrmals eingeläutet, zum Beispiel 75 und 45 Minuten vorher. Kirchlich ist das Geläut auch bei Trauungen oder Trauergottesdiensten. In katholischen Gegenden kommen Messläuten hinzu: beim Beginn und während der Messe, zum Teil auch, wenn das «Unservater» gebetet wird.

Im Weiteren bestehen Frühläuten (in ländlichen Gebieten teilweise schon um 5 Uhr), Mittagsläuten, Vesperläuten und Betzeitläuten. Diese waren wohl ursprünglich weltlich. Das Frühläuten mahnte die Leute zum Aufstehen, das Mittagsläuten zum Heimkehren vom Feld, das Vorabendläuten zum Melken der Kühe. Ab dem Betzeitläuten sollte das Haus nicht mehr verlassen werden.
Wieviele Bewohner/Innen der Schweiz melken heutzutage nach dem Vorabendläuten noch ihre Kühe? Wieviele verlassen nach dem Betzeitläuten tatsächlich ihr Haus nicht mehr?


Für Wöchnerinnen

Es gibt weitere Besonderheiten: In einigen Gemeinden – so in Burgdorf – wird noch freitags um 9 Uhr geläutet. Man sagt, dass um diese Zeit früher der Wöchnerinnen-Gottesdienst stattgefunden habe – für Frauen also, die kurz zuvor ein Kind geboren hatten. Wieder eine besondere Kategorie sind die landesweiten Läuten, zum Beispiel bei nationalen oder internationalen Katastrophen wie dem Tsunami vom 26. Dezember 2004. kle

Mitarbeit: Beat Stähli, Leiter Kommunikationsdienst Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn; Karl Graf, Dekanatsleiter im Dekanat Region Bern der Römisch-katholischen Kirche.

 
 
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