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Die Lärmbekämpfung der Stadtpolizei Zürich hat kürzlich der evangelischen Kirchgemeinde Zürich-Altstetten empfohlen, die Viertel- und Stundenschläge während der ganzen gesetzlichen Nachtruhe von 22 bis 07 Uhr auszuschalten.

Lärmbekämpfung Stadtpolizei Zürich
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Widerstand gegen Glockenschläge wächst  
20. Juli 2005
Quelle: Tages-Anzeiger (von Roger Keller)

oll die Kirche auch nachts die Zeit verkünden? In mehreren Gemeinden gibt es deswegen Streit. In Zürich ist inzwischen die Stadtpolizei bei den Kirchenbehörden vorstellig geworden.

Gossau/Wiesendangen/Zürich.

«Man kann einfach besser schlafen.» Das sagt nicht irgendwer, sondern Bernhard Huber, der Pfarrer von Degersheim SG.
Dort verzichtet die Gemeinde seit Ostern auf den Zeitschlag während der Nacht. Und Huber muss es wissen: Er wohnt im Pfarrhaus direkt bei der Kirche. So weit ist es in den meisten Gemeinden des Kantons Zürich noch nicht. Aber immer mehr Bürgerinnen und Bürger wehren sich für ihre Nachtruhe.Derweil verteidigen einzelne Behörden den nächtlichen Glockenschlag von Stunden und Viertelstunden heroisch.

In Gossau schwelt der Streit schon lange. In der Zürcher Oberländer Gemeinde hat das Verwaltungsgericht kürzlich die Beschwerde eines Anwohners gegen den Zeitschlag während der Nacht abgewiesen, weil der Mann zu weit weg von der reformierten Kirche wohnt (200 Meter) und die Immission somit laut Gericht gerade noch akzeptabel sei.

Doch der Beschwerdeführer gibt nicht auf und zieht den Fall ans Bundesgericht weiter. Und jetzt hat er einen Mitstreiter gefunden, der nur 50 Meter vom Kirchturm entfernt eine Liegenschaft besitzt.
Zusammen rollen die beiden Anwohner den Fall nun neu auf und verlangen vom Gemeinderat, er müsse der reformierten Kirchenpflege den Zeitschlag von 22 bis 6 Uhr verbieten.

Umfragen können nichts verhindern

Während der Gemeinderat im ersten Verfahren argumentiert hat, der Zeitschlag sei eine alte Tradition, pochen die Beschwerdeführer auf die Nachtruhe als höheres Gut.
Im Gegensatz zum Läuten vor Gottesdiensten oder anderen kirchlichen Feiern geniesst der Zeitschlag keinen Schutz durch die in der Bundesverfassung verankerte Religionsfreiheit.
Er gilt als Lärm und muss laut Umweltschutzgesetz an der Quelle bekämpft werden, wenn er übermässig ist.
Die Gegner des Zeitschlags weisen darauf hin, dass die Nachtruhe die weitaus ältere Tradition sei als das Glockengeläut, das in der Bibel nirgends erwähnt sei und heidnischen Ursprung habe.

Aufwind haben die beiden Gossauer durch einen anderen Fall: In Wiesendangen muss der Gemeinderat jetzt eine amtlich anerkannte Lärmmessung durchführen. Dies hat das Verwaltungsgericht vor kurzem entschieden und die Beschwerde eines Anwohners teilweise gutgeheissen.
Grund: Eine nicht amtliche Messung hatte alarmierend hohe Lärmwerte ergeben. In diesem Fall hat das Gericht - weil eine bereits umfassende Messung vorlag - gesagt, es komme nicht so sehr auf die Entfernung des Wohnortes des Beschwerdeführers an. Es sei anzunehmen, dass es in der Nähe der Kirche genügend empfindliche Räume wie zum Beispiel Schlafzimmer gebe.

Dabei hatte sich der Gemeinderat auf der sicheren Seite gewähnt: Nach all den Streitigkeiten in anderen Gemeinden hat er seine Polizeiverordnung 2003 mit dem Passus ergänzt, die Vorschriften für den Gewerbelärm gälten nicht für die Kirchenglocken.
Das nützt gar nichts, wie sich jetzt zeigt: Das Gericht erklärt der Behörde faktisch, dass es nicht möglich sei, den Zeitschlag auf diesem Weg von der Nachtruhe auszunehmen.
Massgebend ist die Umweltschutzgesetzgebung des Bundes.

Sicher hatte sich der Gemeinderat von Wiesendangen aber auch gefühlt, weil das Glockengeläut gemäss einer Umfrage 85 Prozent der Bevölkerung in der Nähe der Kirche nicht störe. Auch das sei nicht massgebend, schreibt das Verwaltungsgericht: Dem Schutz der Nachtruhe komme eine so hohe Bedeutung zu, dass eine erhebliche Störung schon dann vorliege, wenn sie nur wenige betreffe.

Stadtpolizei: Es gibt genug Uhren

Streit gibt es auch in der Stadt Zürich: Im Quartier Altstetten beschwerte sich eine Anwohnerin über den nächtlichen Zeitschlag der reformierten Kirche, blitzte bei der Kirchenpflege aber ab. Die Frau wandte sich an die Stadtpolizei, die umgehend Lärmmessungen durchführte. Das Resultat war selbst bei der 250 Meter von der Kirche entfernten Wohnung klar: Der Klang war derart laut, dass er gemäss Stadtpolizei den Schlaf stören und für «Aufwachreaktionen» sorgen kann.

Die Stadtpolizei empfahl der Kirchenpflege, den automatischen Zeitschlag zwischen 22 und 7 Uhr auszuschalten, und schrieb ihr: «Wir denken, dass in der heutigen Zeit Armbanduhren, Wecker und andere Zeitmesser das Ablesen der Uhrzeit ermöglichen und die akustische Zeitangabe nicht mehr den gleichen Stellenwert hat wie früher.»
Die Frau sei nicht die Einzige, die sich daran störe.

Die Stadtpolizei konnte für ihre Empfehlung eine unverdächtige Zeugin zitieren: Die Reformierte Landeskirche des Kantons Zürich rät in einer Broschüre mit dem Titel «Vertraute Klänge - störende Klänge» ihren Behörden zu einer kompromissbereiten Haltung. Dort findet sich auch der Satz, dass der Zeitschlag «keine kirchliche Notwendigkeit» sei, weshalb sich die Kirche in dieser Frage noch gesprächsbereiter zeigen könne als beim Geläut. Man könne den Zeitschlag abstellen.

Das sieht die reformierte Kirchenpflege Altstetten anders: Sie hat beschlossen, nicht auf die Empfehlung der Stadtpolizei einzutreten, denn die Läuteordnung der Stadt Zürich werde nicht verletzt. Damit ist der Fall aber nicht erledigt: Die Stadtpolizei will nochmals das Gespräch suchen, bevor sie andere Saiten aufzieht.

 
 
Realisierung: RightSight.ch