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"Ueberhaupt wird man finden, jemehr ein Volk Vergnügen an Schellen oder auch Glöckchen findet, die ohne Ordnung durcheinander klingen, desto roher, kindischer oder barbarischer ist es."

Georg Christoph Lichtenberg
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Wie die Uhr an den Kirchturm kam  
21. Juli 2005
Quelle: Tages-Anzeiger (von Rolf Kaminski)

«Ruhestörung!», schimpfen die einen, «Tradition!», verteidigen die anderen. Der Glockenschlag, einst heidnisch, dann von den Christen vereinnahmt, ist seit 1500 die Mutter aller Uhren.


Zürich. - An allem sind die Chinesen schuld. Letztlich. Wie so vieles andere haben sie auch die Glocke erfunden, je nach Quelle vor 3000 bis 4000 Jahren. Und Glocken sind es, die noch heute in den Kirchtürmen die Stunde schlagen, Tag und Nacht - und damit für Streit sorgen zwischen denen, die ihre Ruhe wollen, und jenen, die sich auf Traditionen berufen (TA vom Mittwoch).

Tatsächlich hat die Glocke in Kirchtürmen zwei Funktionen, eine religiöse und eine weltliche. Die religiöse, der Ruf zum Gebet, ist die deutlich ältere - ab etwa 500 nach Christus wurden damit die Mönche im Kloster an die Gebetszeiten erinnert; ab dem 7. Jahrhundert rief die Glocke die Gläubigen auch ausserhalb der Klostermauern zur Andacht. In jener Zeit kamen die ersten Glocken in die Schweiz - mitgebracht durch irische Wandermönche.
Allerdings war die Glocke im Christentum anfänglich umstritten, diente sie doch in vorchristlicher Zeit für magische Rituale - etwa um das Böse fern zu halten.
Dennoch setzte sie sich schliesslich durch.

In die Kirche, weils praktisch war

Die weltliche Funktion, die heute so umstritten ist, nämlich den Menschen die Stunde zu schlagen, verbreitete sich erst ab 1500 in Europa. Es soll zwar schon 1344 in Padua eine erste Turmuhr gegeben haben, aber das Quellenmaterial sei sehr dürftig, sagt Peter Taschenmacher, Experte für Turmuhren und Besitzer des Uhrenmuseums in Bad Iburg in Niedersachsen.

Ab 1500 aber sind einige Turmuhren in grossen Städten nachgewiesen. Ziel war, dass so viele Menschen wie möglich mitbekamen, wie spät es ist. Also bot es sich aus praktischen Gründen an, die Uhr in einem Kirchturm zu platzieren - erstens waren dort Glocken, deren Klang auch weiter weg wohnende Menschen erreichte, und zweitens stand die Kirche oft am höchstgelegenen Platz im Ort. «Schlug die Kirchturmuhr 12, liessen die Leute alles stehen und liegen und machten Mittagspause», sagt Taschenmacher.

Vor den Turmuhren richtete sich das einfache Volk nach den Jahreszeiten und dem Stand der Sonne.
Im Kloster nutzte man schon damals eine Reihe primitiver Zeitmesser, etwa Kerzen, die eine bestimmte Zeit lang brannten, oder Wasser-, Sonnen- und Sanduhren. Sie alle waren relativ ungenau, doch das galt anfänglich auch für die Turmuhren - in der Regel wurden sie einmal im Jahr nach der Sonne gestellt.
Und erst ab 1550 verfügten sie über Stundenzeiger; 1750 kam schliesslich der Minutenzeiger hinzu. Zu jener Zeit hatte dann auch fast jede grössere Kirche auf dem Lande ihre Turmuhr.

Laut Konrad Noll, Mitglied der Schweizer Glockengilde, war man sehr stolz, wenn man eine Uhr im Turm hatte: «Das war Hightech.» Es habe sogar Bürger gegeben, die sich beklagten, wenn sie den Glockenschlag nicht hören konnten. So wurden die Zeitmesser mehr und mehr nicht nur in Kirchen, sondern auch an anderen Gebäuden installiert: Rathäuser, Stadttore, manchmal auch Schulen.
Es entstanden - mangels Kirche oder anderer hoher Gebäude - sogar eigene Zeittürme.

Uhr so teuer wie ein Mercedes

Doch mit der Erfindung der Turmuhr ging die Entwicklung weiter. Laut Peter Taschenmacher entstand 1511 die erste Taschenuhr, die allerdings erst ab 1600 grössere Verbreitung fand und auch nur unter den Reichen. «Eine solche Uhr kostete damals so viel wie heute ein Mercedes.»


1650 tauchten dann die ersten Wanduhren auf. Und 1920 schliesslich Armbanduhren, die heute von den Chinesen so geschäftstüchtig kopiert werden.

 
 
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