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Laut dem Bundesverwaltungsgericht ist das Glockengeläut als Zeitansage "keine kirchliche Äußerung", sondern "eine Tradition, die ihre Bedeutung angesichts gewandelter Lebensbedingungen weitgehend verloren hat..."

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Zu Hause in den Glockenstuben der Schweiz  
6. August 2007
Quelle: NZZ

Stefan Mittl nimmt fürs Radio das Geläut von Kirchenglocken auf und berät Behörden in Streitfällen

...Glocken als Lärm – das Beispiel Balgrist

Was für Mittl Musik ist, empfinden andere als Lärm. An vorderster Front kämpft der Verein «IG Stiller»; er verlangt, dass Kirchenglocken mindestens zwischen zehn Uhr abends und sieben Uhr morgens schweigen, und möchte, dass eine solche Beschränkung dereinst im Lärmschutzgesetz festgeschrieben wird. Vorläufig aber wird noch fleissig gestritten, Wiesendangen und Gossau sind nur zwei Zürcher Gemeinden, in denen es zu Auseinandersetzungen ums Geläut gekommen ist. Auch die evangelisch-reformierte Stadtzürcher Kirchgemeinde Balgrist beschäftigte sich letztes Jahr mit dem Thema, nachdem sich zwei Anwohner beklagt hatten.

Mit einer Umfrage wollte die Kirchenpflege herausfinden, ob das Geläut störe. Ergebnis: Es stört nicht. Nur gut zehn Prozent derjenigen, die den Fragebogen zurückschickten, äusserten sich negativ. Weil aber unter diesen viele waren, die weniger als 200 Meter vom Kirchturm entfernt leben, überlegte sich die Kirchenpflege trotzdem, wie sie ihnen entgegenkommen könnte. Und rief Mittl zu Hilfe, bei dem sich immer häufiger Kirchgemeinden melden, wenn es zum Streit kommt. Er schlug vor, die Schall-Öffnungen des Turms mit Acrylglas abzudecken. Das trage dazu bei, dass die Lautstärke abnehme und das Geläut weniger hart klinge; trotzdem bleibe der Blick auf die schwingenden Glocken erhalten, die zum typischen Bild dieser Kirche gehörten. Rund 70 000 Franken kostet die Massnahme, die bis Ende Jahr umgesetzt sein soll.


Nicht zu schnell nachgeben

Mittl gibt den Kirchgemeinden vor allem technische Tipps, hält jedoch wenig davon, bei Streitfällen sofort die Läutordnung zu ändern, also zum Beispiel das Geläut nachts abzustellen oder auf den Viertelstundenschlag zu verzichten. Die Gemeinden liessen sich oft zu schnell «in die Knie zwingen», hat er beobachtet. Sie dürften es aber ruhig auch einmal auf einen Rechtsstreit ankommen lassen, sagt er – auch wenn er zuerst einmal zum Konsens ermuntere, etwa an einem Glocken-Abend, wie ihn die Kirchenpflege Balgrist mit Mittl als Referenten durchgeführt hat. Er wisse, dass es auch berechtigte Klagen gebe. Aber wenn Neuzuzüger verlangten, Kirchenglocken dürften nicht mehr läuten, dann mache ihn das hässig.
Haben Neuzuzüger kein Recht, in der Nacht ohne die viertelstündlichen Weckschläge, zu schlafen?
Und was ist mit all den Anwohnerinnen und Anwohner die schon lange vor Ort wohnen?

Die Gemeinden lassen sich im übrigen kaum "in die Knie zwingen". So werden doch die zahlreichen Glockenlärm-Rechtsstreitereien traditionellerweise vom Steuerzahler bezahlt.

Lieber als über Streit und Klagen spricht der Glocken-Fachmann freilich über die Schönheit des Geläuts. Da liegt die Frage nach den Favoriten im Kanton Zürich nahe. Mittl nennt als Beispiele die Guthirt-Kirche in Zürich Wipkingen und die Kirche Maria Frieden in Dübendorf. Generell gefielen ihm originelle Geläute mit Halbtonschritten besonders. Als wahres Glocken-Eldorado bezeichnet Mittl Frankreich. Ein Eldorado allerdings, das an Glanz verliere: Weil Kirche und Staat strikte getrennt seien, fehle es vielerorts am Willen und am Geld, um die Glockentürme zu unterhalten und zu renovieren. Weshalb das eine oder andere Geläut in Mittls Glocken-Phonothek wohl schon als akustische Trouvaille gelten darf, die in Wirklichkeit so nicht mehr zu hören ist.

Auszug aus: Nzz.ch/nachrichten/zuerich/zu_hause_in_den_glockenstuben_der_schweiz_1.537156.html#comment_article

 
 
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