| Einführung
Kirchenglocken wurden ursprünglich rein kultisch verwendet – als Aufruf zum Gebet oder zur Versammlung. Mit der Einführung verschiedener kultloser Läuten und des Zeitschlages im Laufe der Jahrhunderte wurde diese Tradition korrumpiert. Nicht selten ertönen täglich 100 (!) Glockenzeichen pro Kirche.
Dieses Übermass mindert die Freude am kultischen Läuten. Genauso wie viertelstündlicher Schokoladengenuss die Freude an Schokolade mindern würde. Zudem schädigen die nächtlichen Glockenzeichen die Gesundheit der Anwohner. Mit dem stillen Weissbuch präsentiert die IG Stiller nun Vorschläge für einen rücksichtsvollen Glockengebrauch.
Zeitschlag
Die Zeit muss nicht geschlagen werden. Ausserhalb der offiziellen Ruhezeiten (Nacht, Sonntags- und Feiertage) kann der Zeitschlag aber akzeptiert werden. Dabei sollte folgendes beachtet werden:
- Die Lautstärke sollte weder auf den Plätzen und Strassen um die Kirche noch im offenen Fenster der angrenzenden Wohnungen mehr als 80 dB erreichen.
- Die Dauer des längsten Zeitschlages (12 Uhr) soll nicht länger sein wie 45 Sekunden.
- Wenn geläutet wird (z.B. um 11 Uhr) soll der Zeitschlag entfallen.
- Es genügt, wenn pro Dorf resp. Quartier eine Kirche die Zeit schlägt.
Kultlose oder bürgerliche Läuten
Da „niemand“ mehr betet, wenn die bürgerlichen Läuten erklingen, macht es wenig Sinn, diese Läuten immer noch als Gebetsaufrufe zu definieren. Das zeigt sich sehr deutlich am Mittags- resp. 11 Uhr-Läuten, welches im 15. Jahrhundert als Aufruf zum Gebet für einen Sieg gegen die Osmanen eingeführt wurde. Mehr als ein halbes Jahrtausend nach dem Sieg, macht dieser Aufruf keinen Sinn mehr und es stellt sich die Frage, ob das Läuten nicht eingestellt oder neu begründet werden soll.
Unter dem Namen Glockenkult wurden verschiedene Ideen entwickelt, wie die bürgerlichen Läuten mit Sinn gefüllt werden könnten. Eine sympathische Idee ist zum Beispiel das Geburtstagsläuten, welches zur Familie der Freudengeläute gehört. Dabei können Kinder eine Glocke von Hand zum Erklingen bringen und damit ihrer Freude über ihren Geburtstag Ausdruck verleihen: "Diese Freude kann bis in die Herzen der Menschen schwingen, welche das Läuten hören."
Die IG Stiller akzeptiert kultlose oder bürgerliche Läuten ausserhalb der Ruhezeiten unter folgenden Bedingungen:
Dauer
Als ursprüngliche Gebetsaufrufe sollten diese Läuten nicht länger dauern wie ein Gebet (z.B ein Ave Maria oder ein Vaterunser), d.h. sie sollten maximal eine Minute dauern. Dort wo von Hand geläutet wird, sind solch „kurze“ Läuten üblich. So dauert zum Beispiel im Kloster Notkersegg in St. Gallen das (handgezogene) Läuten maximal eine halbe Minute.
Anzahl Läuten pro Tag
Akzeptiert werden kann ein 11-Uhr oder Mittagsläuten sowie ein Vesper- und ein Abendläuten, je nach lokaler Tradition. Morgenläuten vor dem Ende der Nachtruhezeit sind absolut inakzeptabel. Auch um 7 Uhr stört das Morgenläuten noch viele Menschen. Es wird deshalb empfohlen, aufs Morgenläuten ganz zu verzichten oder dieses zumindest erst um 7 Uhr ertönen zu lassen und sehr kurz und fein zu halten.
Lautstärke
Durch technische Massnahmen, wie weniger harte Klöppel, geringerer Ausschlagwinkel und andere Massnahmen kann die Lautstärke reguliert werden. Dies ist speziell beim Morgen- und Abendläuten wichtig. Der Klöppel sollte die Glocke sanft anklingen lassen ("küssen") und nicht hart schlagen, was auch der Glocke schadet. Etwa 10% unserer Glocken sind durch unsachgemässen Gebrauch kaputtgeschlagen worden. Die Lautstärke sollte weder auf den Plätzen und Strassen um die Kirche noch im offenen Fenster der angrenzenden Wohnungen mehr als 85 dB erreichen.
Kultisches Läuten
Dauer
Ein Kult sollte maximal 5 Minuten eingeläutet werden. Auf weitere Läuten wie Vorläuten oder Ausläuten sollte verzichtet werden, weil Sonn- und Feiertage auch Ruhetage sind.
Lautstärke
Die Lautstärke sollte weder auf den Plätzen und Strassen um die Kirche noch im offenen Fenster der angrenzenden Wohnungen mehr als 90 dB erreichen.
Ein- und Ausläuten der Sonn- und Feiertage
Sonn- und Feiertage können am Vorabend maximal 5 Minuten eingeläutet werden. Auf das Ausläuten des Sonn- und Feiertages sollte verzichtet werden, da solche Tage Ruhetag sind.
Herdengeläut (Kuh- und andere Tierglocken)
Tiere wurden ursprünglich ohne Glocken gehalten und können auch heute noch problemlos ohne Glocken gehalten werden. Im Siedlungsgebiet muss nachts auf Herdengeläut verzichtet werden. Die Tierglocken sollen nicht grösser sein als eine Frucht, welche vom Tier problemlos in den Mund genommen werden kann.
Das Gewicht soll 1 Promille des Gewichtes des Tieres nicht überschreiten. Alte Überlieferungen (wie die Bibel) weisen darauf hin, dass Tierschellen ursprünglich nicht grösser und schwerer waren.
(Siehe auch: Tierglocken und Tierschutz und Glocken in der Bibel)
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